Klamurke

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Materialien zur Geschichte der Klamurke

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Ein unbestimmtes Bestreben, die steckengebliebene Klamurke wieder in Bewegung zu bringen, führte Mitte August 1996 zu ersten Notizen. Wenige Tage nach zustandekommen selbiger Notizen ergab sich eine unerwartete Fortsetzung.

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Moskau, den 14. August 1996

Anfang 1993 wurde - nach einer Reihe vergeblicher Anläufe - in Moskau die Nullnummer der “Klamurke” zusammengestellt, in Kleinstauflage gedruckt und anschließend über eine Kontaktperson in Deutschland verteilt bzw. teilweise verteilt. Reaktionen zwischen gleichgültig und begeistert. Zu einer Weiterführung des Projekts reichte es nicht; was zweifellos an der Unzulänglichkeit der Verteilung lag, sicher aber auch noch damit zu tun hatte, daß der eigentliche “Kern” noch nicht deutlich genug herausgearbeitet war. - Ein interessanter Einwand kam vom Verteiler selbst: Die “Klamurke” kranke daran, daß sie keine Wege aufzeigt (oder so ähnlich). - Ein fatales Mißverständnis: Im Wesen der Klamurke liegt es begründet, daß sie nicht dazu da sein kann, fertige Wege aufzuweisen; ihre Aufgabe liegt vielmehr darin, dem Leser Anregung und Hilfestellung zu bieten, sein Verheddertsein in bestehenden “Wegen” bewußtzumachen und eigene Wege zu suchen. Bei Zustandekommen des Projekts hätte solches sich befreiende Weiterstreben, solch individuelles Weitergehen im Gespräch mit seinesgleichen vonstatten gehen können; oder, wie [...] manche das zu nennen pflegen (ohne immer genau zu verstehen, was das eigentlich beinhaltet): in Beratung. Die “Klamurke” hätte das Organ abgeben sollen für solches freilassende Gespräch, für solche “Beratung”.

Anliegen ist natürlich, im allerchristlichsten Sinne, die menschliche Individualität. Manchen mag scheinen, daß man dann aber doch besser dieses irritierende “ungeistig-asozial-unchristlich” hätte beiseitelassen sollten; und daß man als passenden Namen dann vielleicht was anderes gesucht hätte; wie zum Beispiel “Individualität”... Natürlich wäre das im Sinne des heutigen “Zeitgeistes” bei weitem passender gewesen; und dann hätten wir noch kluge Leitartikel verfaßt über Individualität, über Beratung; und wir hätten dem Leser somit etwas g'scheites geboten, das er schwarz auf weiß nach Hause tragen kann. - Problem ist aber, daß die “Klamurke” genau diesem “Zeitgeist”, der die Menschen über alles mögliche reden und sie nicht zum Sein kommen läßt, den Krieg erklärt hat. Es kann uns nicht darum gehen, gescheite Worte zu machen über Individualität, über Beratung, sondern Individualität zu entwickeln, Beratung zu vollziehen.

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Nun gut: Dieses Beratungsorgan “Klamurke” blieb stecken. Ich schrieb das Projekt dann als gescheitert ab und trauerte ihm weiter nicht mehr nach; obwohl ich mir bewußt war, daß eine solche “Klamurke” im Grunde gebraucht würde. Auf der einen Seite immer größere Versumpfung, seelische Verelendung; auf der andern Seite verirren sich die edelsten Ansätze geistiger Befreiung, kaum daß sie geboren, in Floskel und Jargon... Die Menschen können es wohl nicht besser; wie ein geistiges Gift, das in der Atmosphäre liegt und jeden echten Ansatz, kaum daß er richtig durchgekommen, in sein Surrogat verwandelt. [...] - Nun gut: “Die Narrenkappe werf ich tanzend in die Luft: Denn ich entsprang...” - Und weiter? Weiß nicht. Inzwischen scheint mir, als müsse man es doch noch mal versuchen. Das ist inzwischen schwieriger als vor drei Jahren; die Versumpfung ging zügig weiter; aber sicher hängen überall irgendwelche Versprengten, die auf ein Zeichen warten von ihresgleichen. (Wie mir grad einfiel: Sicher könnte man das Blatt auch statt “Die Klamurke” - “Die Versprengten” nennen; doch bietet ein solcher Titel bereits zuviel Ansatz für Ideologisierung) -

Irgendwo ein Drängen: Es doch wieder zu versuchen. - Das Verfassen vorliegender Skizze sei denn ein erneuter Anlauf.

 

Nekrolog & Geburtswehen

Moskau, den 18. November 1996

Kurz nach Verfassen voranstehender den Neuanlauf einleitenden Nachbemerkung wurde ich angeheuert, als Redakteur den Textteil eines in Deutsch und in Russisch erscheinen sollenden Katalogs für Fotomodelle, Nachtclubtänzerinnen usw... zu betreuen. Allzuviel Text hätte dieser Katalog zwar nicht enthalten sollen; doch legte man Wert darauf, daß das wenige, was gestattet war, so'n bißchen literarisch nett aufgemacht sein soll. - Trotz der zunächst fremd scheinenden Materie stand dieser Katalog aus den verschiedensten Gründen von vornherein im Zeichen der "Klamurke"; und trotz des geringen Raumes, der dem Textteil zugestanden wurde, witterte ich zunehmend Möglichkeiten, das Klamurke-Anliegen zumindest teilweise eben in diesem Katalog zur Verkörperung zu bringen. - Da im Weiteren dann die Durchführung des ursprünglichen Konzepts - d.h. Herausbringen eines reinen Katalogs - sich zunehmend als unrealistisch erwies, andererseits aber gute Chancen gesehen wurden für eine diszipliniert-lockere Zeitschrift mit Katalogteil, wurden die Möglichkeiten für eine solche Verkörperung immer besser.

Und dann - versackte zunächst einmal alles in völliger Stagnation; und zwar so gründlich, daß ich die Zeitschriftensache als gestorben betrachtete. Als wichtigste Frucht dieses - wie mir schien - kurzen Schlenkers ins Umfeld der Erotik-Presse schien mir immerhin der Umstand, daß es zu einem gründlicheren Durchdenken des Klamurke-Ansatzes gekommen war; vor allem auch im Hinblick auf Verwirklichung in einem weitgehend fremden Umfeld.

Ich wandte mich wieder der "alten" Klamurke zu: Dem Aufbau eines "Beratungsorgans" im Kampf gegen das geistig seelische Ersticken, um das Wiederauffinden des Menschen; entwickelte die verschiedensten Wege, wie man das nun endlich in Bewegung bringen könnte.

Und plötzlich - tauchte das aus dem Katalog hervorgegangene Zeitschriftenkonzept wieder auf. Und man war sich recht schnell klar: Die "Klamurke" muß sich vollständig da rein verkörpern; vollständig und restlos; so vollständig, daß sogar der Name übernommen wird, mitsamt Motto und Untertitel; und zwar nicht nur für die deutsche, sondern auch für die russische Ausgabe. Vollständig hineinverkörpern muß sich die Klamurke in dieses zunächst artfremd erscheinende; muß, den Umständen sich anpassend, die verschiedensten Metamorphosen durchmachen; nichts darf übrig bleiben als Fremdkörper; und die ganzen "alten" Klamurke-Notizen sind hinfort nur noch für den internen Gebrauch: als interne Hilfe für die Bewußtmachung des "Geistes" der Sache; der hinfort sich in ganz anderen Erscheinungsformen offenbaren wird. Wie weit solches uns gelingt - ist eine Frage; sicher ist aber daß, in dem Maße, als uns das gelingt, es eine fruchtbare Sache sein wird.

Das frühere Geplänkel mit dem Katalog bzw. der Zeitschrift wäre mehr eine teilweise "Inkorporation" gewesen und keine vollständige Verkörperung; auch der Name "Klamurke" wäre nicht mit ins Spiel gekommen; ich hätte den in Reserve behalten für spätere oder parallel laufende "konzentriertere" Klamurkiaden.

Die Klamurke ist tot - es lebe die Klamurke!

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Die Klamurke ist vorgesehen als eine Kombination aus Zeitschrift und Katalog bzw. Vermittlungsorgan für Künstler und Künstlerinnen, Fotomodelle usw... der verschiedensten Couleurs; erscheint in deutsch und in russisch (hier wie dort unter dem gleichen Namen und dem gleichen Emblem Die Klamurke. - Der Grossteil der Auflage wird normal verkauft; ein Teil wird kostenlos an potentielle Arbeitgeber der inserierenden verschickt; die Details müssen hier noch genauer abgeklärt werden. - Der Inhalt der jeweiligen Nummer wird weitmöglich mit dem Katalogteil abgestimmt (interessante biographische Entwicklungsmomente der Inserierenden; überhaupt: Biographie; Schicksal... Stil: Locker-diszipliniert. - Genaueres Konzept wird in den allernächsten Tagen ausformuliert und nachgereicht.

 

Anlauf mit unerwarteter Fortsetzung

Raymond Zoller

Übersicht "Allgemein Klamurkosophisches"

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