Klamurke

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

Materialien zur Geschichte der Klamurke

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

Sicherheitshalber sei angemerkt, daß nachfolgend wiedergegebenes Programm, welches im Verlaufe eines Wiederbelebungsversuchs anno 1996 verfasset wurde, natürlich längst nicht mehr aktuell ist; doch enthält es über die nicht mehr aktuellen Einzelheiten hinaus doch verschiedene Gedanken, die vielleicht von Interesse & einer Weiterentwicklung würdig sein könnten. – Den Umständen entsprechend wurde jenes Programm zuerst in Russisch geschrieben und dann anschließend ins Deutsche übersetzt; aber das macht ja nix. - Und auch wenn det alles von vornherein zum Scheitern verurteilt war, so hatte es doch seine Reize; nich?

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

(Übersetzung aus dem Russischen)

A) Allgemeines

Die Klamurke ist eine literarisch-philosophisch-erotische Zeitschrift auf Grundlage des disziplinierten Klamauks.

Ihr freier Geist schwebt, einem Adler gleich, über der Vielgestaltigkeit ihres Inhalts, strukturiert und gestaltet sie, sorgt für innere Gediegenheit und Geschlossenheit und schützt sie vor Ausarten in zusammenhangloses Buntheit und loses Lametta. - Und er haßt, dieser adlerhafte Geist, nicht nur jeglichen schlingenden Morast, sondern auch jedwedes vertrocknete akademische Wortemachen; und dem einen wie dem andern verwehrt er den Zutritt in sein Reich.

Die Klamurke soll ein Organ sein für den Erfahrungsaustausch auf der Suche nach dem “roten Faden” in den chaotischen Wirren unseres heutigen Lebens. Sie wird parallel in Deutsch und in Russisch erscheinen.

Das Anliegen der Klamurke entwickelte sich vor mehren Jahren in den Dschungeln der heutigen mitteleuropäischen Kultur; dortselbst kam es dann im Weiteren zu mehreren - mehr oder weniger erfolgreichen - Verkörperungsversuchen. - Offensichtlich war die Sache damals noch nicht reif; und unter anderem war es eben aus dem Grunde nicht reif, daß es noch an einer einseitigen Ausrichtung auf den deutschsprachigen Westen krankte[1]. Der Adler hatte sich - wenn man das so nennen darf - im Dickicht verheddert. Doch konnte er sich dann befreien...

 

B) Name und Losungen

Der Name “Die Klamurke” klingt für das deutsche Ohr klein wenig exotisch, und für das Russische sehr. Übersetzen läßt er sich überhaupt nicht; weder ins Deutsche noch ins Russische. Aus welchem Grunde wir sowohl die deutsche wie auch die russische Ausgabe einträchtig und gleichermaßen nennen werden: Die Klamurke.

Die erste Losung “Ungeistig - asozial - unchristlich” ist aufs engste verflochten mit der Entstehungsgeschichte des Anliegens in den Dschungeln der heutigen mitteleuropäischen Kultur. Als Einführung in den tieferen Sinn dieser Losung möge ein erweitertes Zitat aus Goethes “Faust” dienen:

“Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte “(Goethe)

“Dafür wittern sie ihn überall dort, wo Geist sich regt” (Wilhelm von Dorten)

Denn der Geist weht, wo er will... Und am allerwenigsten vielleicht dort, wo man über “ihn” spricht.. Und im übrigen - weiß der Teufel... In der Skizze zur deutschsprachigen Nullnummer erklärten wir diese Losung wie folgt:

Denn schon damals hatte man bemerkt, wie eine gewisse hochgestochene Schwätzerei einen vom Weitergehen ablenkt; und im Weiteren war bemerkt worden, wie gewisse Worte durch solches Geschwätz ihre angestammte Begrifflichkeit verloren und stellenweise sogar durch eine neue ersetzt hatten. Solches wurde als sehr unangenehm empfunden, da es doch recht verwirrend ist, wie solche Wortlarven uns wie Treibholz überall im Weg sind und die ohnehin kaum zu bewältigende Orientierung noch weiter erschweren; und man fand, daß auch so alles schon schwierig genug ist und daß man am besten solchen Wortlarven aus dem Weg geht

Zu dem Aufruf: Krüppel aller Länder - vereinigt Euch! wurde folgendes gesagt:

„Denn mit den ehrlich Ratlosen wollte man in Kontakt kommen; und weitaus weniger interessant schienen all diejenigen, die für alles sogleich fertige Theorien auf Lager haben und sich aus fertigen Antworten einen Panzer weben, der nach außen hin glatt und elegant aussieht und nach innen hin gar sehr wenig Platz läßt... Interessieren taten solche, denen es in derartigen Panzern zu eng wird; die da nicht reinpassen; und was bleibt - verglichen mit der glatten Oberfläche der Habenden - von solchen Armen im Geiste anders übrig als - Krüppel. Doch nur wer bereit ist, zu seinem Krüppeldasein zu stehen und seine Leiden auszukosten, hat - wenn überhaupt - eine Chance, es zu überwinden“

 

C) Inhalt[2]

Die Klamurke ist eine Kombination aus Zeitschrift und Katalog, wobei die Zeitschriftenkomponente überwiegt.

Der Katalogteil ist eine Art Agentur für Künstler im allerweitesten Sinne. Seine grenzenlosen Weiten umfassen praktisch alles: Theater, Zirkus, Variete, Cabaret, Fotomodelle mitsamt Fotografen, Modeschöpfer mitsamt Mannequins; Filmemacher, Schriftsteller; Kunsthandwerker[3]; einfach alles; und auch solches, für das man noch keine Etiketten erfunden hat oder was überhaupt noch in den Eierschalen steckt; und so endlos sind diese Weiten, daß die Auflistung vereinzelter Bewohner sogar viel zu sehr von der Spezifik ihres Wesens ablenkt. Dieses Wesen aber kann man am treffendsten charakterisieren mit dem Ausdruck Lebenskunst.

Es versteht sich von selbst, daß Lebenskunst für die Klamurke natürlich nichts zu tun hat mit Ausarbeiten und Vorführen irgendeiner leeren Form, irgendeines “comme il faut”; doch hat es auch nichts zu tun mit Suche nach persönlicher Glückseligkeit auf Kosten anderer. Um was es hier geht, ist ein freier, verantwortungsvoller, individueller Zugang zum Leben, welcher seine eigenen individuellen Formen schafft. Und diese Formen - sofern sie wirklich gedankendurchdrungen-individuell sind - vereinigen sich völlig natürlich mit anderem wirklich individuellem zu einem lebendigen, sich entwickelnden sozialen[4]

Der Katalog der Klamurke ist offen für alle konventionellen und unkonventionellen Angebote; selbst für die exotischsten, die sich jeglicher bekannten Etikettierung entziehen; unter der Bedingung allerdings, daß hinter dieser Exotik irgendetwas interessantes, irgendein “Wesen” steckt (wobei es nicht möglich ist, dieses “Wesen” durch irgendwelche allgemein verbindliche Kriterien zu definieren; alles hängt ab von der individuellen Wahrnehmungs-und Verständnisfähigkeit des jeweiligen Mitarbeiters. Und es versteht sich von selbst, daß es hierbei keinerlei Garantie geben kann - außer halt: Entwicklung der Wahrnehmungs-und Verständnisfähigkeit - daß man nicht irgendwelcher bodenlosen Scharlatanerie auf den Leim geht; oder, umgekehrt, daß man Interessantes, Wesenhaftes übersieht[5].

Das Material (Text, Illustrationen) wird [...] im Katalogteil publiziert. Ziel und Stil solcher Veröffentlichungen können die allerverschiedensten sein. Das übliche und einfachste Vorgehen kann man wie folgt umreißen: Der Inserent gibt genau an, wer er ist, was er kann, wo und unter welchen Bedingungen er arbeiten möchte. Von solch knapper, prägnanter Eindeutigkeit gibt es einen fließenden Übergang zum andern Pol: Der Inserent ahnt erst die einzuschlagende Richtung; er hat noch keine fertigen Formen entwickelt, vielleicht sind auch noch keine entwickelten Fertigkeiten vorhanden. Auf der Suche nach Weggenossen sucht er, seine Bestrebungen zu formulieren; sei es im Hinblick auf Schaffen und Organisieren einer gemeinsamen Arbeit, eines gemeinsamen Programms; oder vielleicht sogar auf der Suche nach Gesinnungsgenossen zum Schaffen freier effektiver Ausbildungsformen.  - Die Klamurke wird bestrebt sein, im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles zu berücksichtigen; von philosophischer, künstlerischem Suchen bis hin zu leichter Bühnenkunst und Erotikshow; immer vor dem Hintergrund dessen, was wir oben im Hinblick auf “exotische Fälle” anmerkten (das in diesem Zusammenhang gesagte umfaßt auch alle möglichen Arten tatsächlich fragwürdiger Kandidaten. Wir haben keineswegs die Absicht, in irgendeiner Weise kriminelle Aktivitäten zu unterstützen; abgesehen von allem anderen widerspräche das dem freien und freilassenden Geist der Klamurke).

Die eigentliche Zeitschrift sollte eng mit dem Katalogteil zusammenhängen:

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Besprechung interessanter Ansätze aus dem Katalogteil; interessante biographische Momente; Schicksal, Entwicklung

Im Weiteren:

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Vorgesehen ist ein Bereich unter dem vorläufigen Arbeitstitel “Zeitgenossen”: Die verschiedenartigsten Notizen bekannter und vor allem unbekannter Zeitgenossen, welche nicht im Hinblick auf Veröffentlichung zustandekamen (Tagebuchnotizen, Briefzitate usw...) und welche aus den verschiedensten Gründen für andere Zeitgenossen interessant sein können.

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Essays, Untersuchungen usw... zu als wesentlich empfundenen Fragen, welche aus konkretem Durchleben heraus geschrieben sind

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Belletristik

 

D) Verteilung

[...]

 

E) Zweisprachig:

Wie bereits gesagt, soll die Klamurke in Deutsch und in Russisch erscheinen. Da der Inhalt sich aus dem konkreten Leben heraus entwickeln soll, aus dem Umgang mit realen Problemen, ergibt sich ein vertieftes gegenseitiges Verständnis zwischen denjenigen, die in verschiedenen Kulturbereichen leben sowie lebendige Anteilnahme an Problemen, welche scheinbar außerhalb der Grenzen des gewohnten Alltags liegen; was zu einem den Horizont erweiternden Erfahrungsaustausch führt, welcher auch das im gewohnten Umkreis liegende in neuer Beleuchtung zeigt und offen macht für aus dem Rahmen des Üblichen herausfallende Problemlösungen.

 


[1] Obwohl bereits damals im Arbeitszimmer des - wenn man das damals schon so nennen konnte - Chefredakteurs eine Reproduktion hing von Repins “Die Saporosher Kosaken schreiben einen Brief an den Türkischen Sultan” mit der Aufschrift: “Klamurke-Redaktionsbesprechung

[2] Anmerkung Oktober 2004: Ausdrücklich sei angemerkt, daß dieses Programm anno 1996 verfaßt wurde und in dieser Form natürlich nicht mehr aktuell ist (wieüberhaupt: nie verwirklicht wurde). Aber nichtsdestotrotz stecken da noch recht interessante Gedanken drin; zumindest für den, der sie entdeckt & interessant findet.

[3] Dieses Beispiel fehlt im russischen Original. Angemerkt sei, daß die Spezifik der aufgeführten beispiele durch die Spezifik der russischen Interessenten bedingt ist, mit denen ich zunächst in erster Linie zu tun habe und die ich bei Verfassen des russischen Textes natürlich im Auge hatte

[4] in solch geraffter Form klingt das möglicherweise nicht eben überzeugend und zudem etwas abstrakt. Doch die Frage ist konkret, real; und in konkreter, lebensvoller Form, in verschiedenster Art und Weise - offen wie zwischen den Zeilen - werden wir uns auf den Seiten der Klamurke sehr ausgiebig mit den Fragen beschäftigen, die den Unterschied betreffen zwischen “gemeinschaftlichem Zusammenwirken von Individuen” und “Anhäufung sich gegenseitig benutzender und gegenseitig sich störender Personen”

[5] die Frage bezüglich Wahrnehmung und Verständnis von im eigentlichen Sinne Individuellem ist eng verbunden mit der in obiger Fußnote angedeuteten Frage und gehört zum Gewebe der inneren Thematik der Klamurke. [...]

 

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

Raymond Zoller

Übersicht "Allgemein Klamurkosophisches"

Programm zu einem steckengebliebenen Anlauf anno 1996

 

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