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7. Februar 1977
Karel Gott, einer der Götter des Pöbels, hat der Prager Regierung gedankt für die gute Atmosphäre, darin die Kunst gedeihen kann. In der Tschechoslowakei[1] scheint es also geistige Freiheit zu geben; zumindest solange, als der Geist nicht in Erscheinung tritt.
Nicht ärgern, nur wundern...
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11.Februar 77
Käme jetzt einer von diesen Doktorprofessoren zu mir und sagte, ich sei verrückt und all mein Streben sei paranoid - ich wäre zu schwach, ihm zu widerstehen und würde sagen: ja, du hast wohl recht...
- Dieses blöde Gequatsche am Kaffeetisch macht mich fertig. Ausgiebige Diskussion über Schlagersänger, die mir auf 'n Wecker ging. Fragte nach dem Oberspeichellecker Karel Gott; sagte, das sei ja 'n schöner Schweinehund. Man war empört; sagte, es stimme ja nicht alles, was in der Zeitung steht; und der sei halt für sein Heimatland. Machte eine giftige Bemerkung und hielt den Mund. Vorsatz, überhaupt nicht mehr an diesen Kaffeesitzungen teilzunehmen.
Stroh dreschen sie alle; und dann glaubt man eben, die Welt bestehe einzig und allein aus Strohdreschen und jeder, der nicht Stroh drischt, sei verrückt oder sonstwie asozial. Wenn ich sicher wäre, daß das so wäre, würde ich mich natürlich umbringen.
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12.Februar 77
Was soll das Gefasel von geistiger Freiheit?
Was ist denn überhaupt Geist?
Die Mehrheit ist mit dem status quo zufrieden; und warum soll die Mehrheit den extravaganten Wünschen einer Minderheit von Wirrköpfen weichen?
Denn: Alles ist leer. Alles gleich. Alles war.
Ob Geist oder schwule Schlagersänger.
Phänomenologie des Erstickens...
Wie geht das vor sich, wenn man geistig-seelisch erstickt?
Im Endeffekt sieht es wohl so aus, daß oben skizzierte Anschauung - wenn auch nicht immer klar formuliert - sich deiner bemächtigt...
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17.Februar 77
Man kann es so sagen: Bislang hab ich die Welt für normal gehalten und versucht, mich ihr anzupassen. Selbst noch vor ganz kurzem tat ich das; selbst wenn ich nach außen hin andere Wege zu gehen schien.
Doch dann, nicht zuletzt dank meinem regelmäßigen Zeitunglesen, durchdrang mich immer mehr die Einsicht, daß die Welt in Wahrheit ein Narrenhaus ist und daß ich mit meinen Anpassungsbemühungen mir gar sehr geschadet habe.
Mit dem einher ging natürlich gleichzeitig ein gewisses inneres Sichaufrichten, eine innere Stärkung (u.a. dank dem Studium der Geisteswissenschaft); denn ohne dieses innere Sichaufrichten hätte auch das Zeitunglesen nichts genützt, da ich mich all dem untergeordnet, es als normal empfunden hätte.
Und eben: Je mehr ich von der Einsicht durchdrungen werde, daß die Welt ein Narrenhaus ist, desto weniger verrückt erscheint es mir, mich nicht unterzuordnen und eigene Wege zu gehen.
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April 1982
Zwölf Jahre lang stand Albert Speer im Dienste eines verbrecherischen Regimes; und während der Niedergangszeit dieses Regimes hat er Wesentliches zu dessen Aufrechterhaltung beigetragen.
Ich habe seine Erinnerungen gelesen; und was ich da las, macht ihn mir zutiefst sympathisch.
Manche finden das befremdlich: Ob ich nicht gar nationalsozialistisch angehaucht bin?
Sie sehen das Spektakuläre, das Speer im Dienste dieses Regimes geleistet hat. Worauf es mir aber ankommt, ist nicht das Spektakuläre, sondern die Art, wie er sich damit auseinandersetzt.
Nicht seine Abhängigkeit von Hitler macht ihn mir sympathisch, sondern sein Ringen darum, sich dieser Abhängigkeit zu entwinden; nicht die Verantwortung, die er auf sich geladen hat, sondern die Art, wie er sich dieser Verantwortung stellt.
Nicht dort, wo in bewußtlosem Einverwobensein in Zeit und Umwelt Greifbares und Spektakuläres zustandekommt, erscheint der Mensch, sondern dort, wo er sich über dieses bewußtlose Einverwobensein hinauserhebt.
Dieser eigentliche Bereich, in dem der Mensch anfängt, ist heute nur schwach ausgeprägt; den wenigsten nur gelingt es, sich merklich über den "Lärm der Welt" hinauszuarbeiten. Es ist auch ein hartes Unterfangen: Sofort kommt man an einen Punkt, an dem man spürt: Ein Schritt weiter, und ich stehe im Nichts; in einem Bereich, von wo aus das meiste oder gar alles, was ich mir erarbeitet habe, was ich gelernt habe, was ich erworben habe, mir als wertlos erscheinen könnte; wo ich vielleicht sehen müßte, daß ich ganz von vorn anfangen muß...
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Mai 1975
Das Gute im Leben - das ist die Bewegung. Das ständige Sichlosreißen. Die permanente Revolution gewissermaßen. Der Strom.
Das Böse - das ist das Verhaftetbleiben, das Sichverschließen vor dem Moment. Die Gewohnheit, die Routine.
Egal, ob du die Routine von außen übernommen hast oder ob es sich um die erstarrte Form eines eigenen momentanen Einfalls - der im Moment seines Entstehens wohl von Wert war - handelt.
Schreiben ist eine Form des Bösen. Du quetschst deine Gedanken in Worte, läßt erstarren, was unschuldig geboren, ringst dem Boden manches ab, nur um es einzufrieren. Statt dich am Flug der Libelle zu freuen, fängst du sie und gießt sie ein, schön in durchsichtige Masse, damit jeder sehen kann, welch tüchtiger Jäger du bist.
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[1] Unnötigen Mißverständnissen zuvorkommend sei sicherheitshalber auf das Datum verwiesen. Damals gab es also noch die Tschechoslowakei, und dort herrschten ganz andere Zustände als heute etwa in der Tschechei oder der Slowakei