Klamurke

Notizen von unterwegs

- beim Lesen in Autobiographien -

Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

(Zusammenschnitt von Notizen, die beim Lesen verschiedener im RGFischer-Verlag erschienener Autobiographien zustandekamen)

 Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

                                                                                Donnerstag, den 5.September 1991 *9.54*; Dortmund

 In Ostenweg: "Werdegang eines Antisemiten" gelesen. Die RGfischers drucken in der Tat jeden, der bezahlt. Was mir einerseits fragwürdig scheint; andererseits aber begrüße ich es, daß solche Bücher halbversteckt in diesen Selbstbeteiligungsverlagen erscheinen können.

Ostenweg, ein in der Tat nicht wenig beschränkter Mensch, ist nicht beschränkt genug, um sich nicht doch mit seinem Antisemitismus und halbbewußt sogar mit seiner Beschränktheit auseinanderzusetzen; was ich nicht wenig schätze. Und so wie Ostenweg redlich sich bemüht, den Juden gerecht zu werden - und dabei ansatzweise tatsächlich manchmal interessante Gedanken zu packen kriegt -, so sei dieses Buch für mich ein Anlaß, mich mit einer Beschränktheit ausein­anderzusetzen, die größer ist als die meine und die ich deswegen zu verachten neige. Vielleicht komme ich darüber aus meiner eigenen Beschränktheit etwas heraus...

 Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

Freitag, den 6.September 1991 *11.44*; Dortmund

Viel gelesen hab ich dann noch im "Werdegang eines Antisemiten". Interessant. Schlecht geschrieben; aber das macht nix. Hinter antisemitischer Neurose versteckt ein Mensch, der sich bemüht; zwischendurch interessante Beobachtungen und Gedanken. In einer Zeit mit entwickeltem Blick für menschliches Bemühen würde ich sogar dafür plädieren, sowas in die Buchhandlungen zu bringen. Unter den heutigen faktischen Bedingungen wäre das natürlich weniger zu empfehlen; die einen würden über gewisse Inhalte stolpern, mit dem Finger drauf zeigen; andere würden sich davon beeinflussen lassen. Das gleiche gilt für Bjelyjs Brief an Stalin(1). Man hat es heute nicht mit erwachsenen Lesern zu tun, sondern mit 'nem Kindergarten. Das iss nu mal so...

Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien 

 Sonntag, den 2.Februar 97 * 16.32 * Moskau

(…)

Als andere Nebenbeilektüre les ich die “Mißbrauchte Generation” von Heinz Edler. Das iss nun so dahingeschrieben, als handle es sich um irgendwas bekanntes, berühmtes, etwas, was man gelesen haben muß. Aber es ist nur Ramschware aus dem RGFischer-Verlag; miserabel, stellenweise gar unverständlich geschrieben; und nur ab und zu leicht interessant. Aber immerhin: ab und zu. Deshalb les ich es auch. Gehört zu dem Stapel verramschter Autobiographien, den ich mir im RGFischer-Verlag mal besorgt habe; einiges ist hier in Moskau gelandet. Gelesen hab ich aus diesem Stapel bis jetzt nur den “Werdegang eines Antisemiten”; und das war durchgehend interessant; der Verfasser nicht mit übermäßigen geistigen Mitteln ausgestattet, aber ehrlich bemüht, mit dem ihm zur Verfügung stehenden Instrumentarium sich dem Problem Antisemitismus zu stellen. Dieses hilflose Ringen hatte was für sich. Hab das Buch dann X. gegeben; der wird es kaum gelesen haben; X. war, wenn ich mich recht entsinne, sogar entrüstet, daß ich sowas lese...  Manche Dinge versteht er eben nicht, der X.... - Der Edler ist uninteressant; aber ich lese ihn trotzdem zu Ende.

 Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

 Mittwoch, den 5.Februar 97 * 10.05 * Moskau

Gestern Abend las ich noch sehr lange. Wieder eine von den RGFischer-Biographien. Niestrath: "Und es hat sich doch gelohnt". Der ist in der Schilderung etwas gewandter als der vorige Schreiber; offenbar auch intelligenter. Und offenbar geschickter im Verdrängen.  Möglich auch, daß er seinerzeit gar nichts sehen wollte. Aus Unternehmer­Familie; nach dem Krieg selbst Unternehmer. Leute in sehr abgesicherten Verhältnissen können sich bekanntlich leichter abschotten gegenüber dem, was um sie herum vorgeht; sie können tatsächlich unter einem - wenn auch selbstverschuldeten - Informationsmanko leiden; nur konnte doch damals eben vor allem in diesen finanzstarken Kreisen nicht verborgen bleiben, daß plötzlich zahllose Mitbürger ohne ihr Verschulden zu Menschen zweiter Klasse degradiert und erniedrigenden Schikanen ausgesetzt werden; und selbst wenn man nicht gewußt haben sollte, was sonst noch mit diesen Mitbürgern geschah, so ist mir doch unverständlich, wie ein halbwegs intelligenter Mensch angesichts solcher partout nicht in unser zwanzigstes Jahrhundert passen wollender Umtriebe an die lauteren Ziele der hierfür verantwortlichen Machthaber noch glauben kann. Daß man ohne solche Momente sich von der Regierung in Bezug auf die Kriegsgründe usw... an der Nase herumführen lassen kann - das scheint mir noch möglich. Daß man aber angesichts besagter offenliegender Unmenschlichkeiten nichts merken soll - scheint mir ausgeschlossen. - [Von irgendeiner Person aus seiner Unternehmerumgebung hieß es, er habe die Schokoladenfabrik Sowieso (genauen Namen hab ich vergessen) übernommen. Zu jenen Zeiten war, wie heute allgemein bekannt, die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß die Hintergründe von “Unternehmensübernahmen” eben mit dem Ausrangieren besagter Mitbürger zusammenhingen]

Insofern muß man wohl annehmen, daß er lügt, der Herr Niestrath. Aber er ist in seinem Lügen noch auf seine Weise interessant. Wie es scheint, typischer und für sich genommen harmloser Vertreter jener Schicht, die in ihrer Sucht nach persönlichem Wohlergehen den Kitt bildet für die historischen Katastrophen. Ansonsten hat er es zum Oberleutnant gebracht; zumindest ist er das auf dem Rückzug aus Rußland Richtung Königsberg; und weiter hab ich noch nicht gelesen.

 Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

 Sonntag, den 9.Februar 97 * 21.25 * Moskau

G'sagt sei auch noch, daß ich die Autobiographie von Niestrath zu Ende gelesen habe. Ich hab das richtig verschlungen; obwohl miserabel geschrieben. Irgendwas wie Entwicklung schimmert da doch durch. Seine Söhne etwa in meinem Alter. Einer von ihnen landete in der “Alternativszene” und verursachte ihm einiges an Aufregung. Ob er sich dabei wirklich so fair verhielt, wie er das beschrieb, bleibe dahingestellt; irgendwas muß aber gewesen sein; und selbst wenn er sich bemüßigt fühlen sollte, sich ein solches Image aufzubauen, so würde das aber bedeuten, daß er die diesem Image entsprechende Geisteshaltung erstrebenswert findet; und allein dies wäre ein durchaus positives Moment. Doch deutet, wie gesagt, manches darauf hin, daß die Beschreibung nicht aus der Luft gegriffen ist; daß es mehr ist als nachträgliche Image-Aufpolierung. Ansonsten las er regelmäßig die Bild-Zeitung und empfand den Tod von Franz Josef Strauß als eine große Tragödie. Bei einem Besuch in Gibraltar fiel ihm nichts besseres ein, als darüber nachzudenken, ob die Deutschen das damals hätten einnehmen können; und er grollt, daß der Franco nicht mitspielte und einen entsprechenden - offenbar bereits vorbereiteten - Versuch verunmöglichte. Und bei den verschiedensten Gelegenheiten frägt er immer wieder, ob, wenn dies oder jenes anders gelaufen wäre, die Deutschen den Krieg doch noch hätten gewinnen können. Daß dann alles ganz anders wäre heute weiß er natürlich; aber so besonders negativ steht er diesem “anders” nicht gegenüber. Ob er überhaupt selbst versteht, wem er da nachtrauert? An Auschwitz denkt er in solchen Momenten ganz sicher nicht.

Aber alles in allem - das hat mich alles sehr interessiert; und so unsympathisch ist der Bursche nicht.

Notizen von unterwegs - beim Lesen in Autobiographien

© Raymond Zoller

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(1) Brief, den der Schriftsteller Andrei Bjelyj einstens am Stalin schrieb, um ihm darzustellen, in welch schrecklichen Umständen er lebt. Wer weiß, unter welchen noch viel schrecklicheren Umständen Bjely's Mitbürger damals zu leben hatten, für den kann besonders der anbiedernde Ton dieses Schreibens schockierend wirken. Und nicht alle haben Verständnis dafür, dass unter solch extremen Bedingungen selbst das heldenhafteste Gemüt mal ins Straucheln kommen kann. - Erwähnte das, weil ich grad zu der Zeit jenen Brief für irgendein Blatt ins Deutsche übersetzt hatte. Falls ich ihn finde, den Brief, tu ich ihn dazu

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