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Samstag, 25. März 2006
Wie, zum Teufel nochmal, soll man im Deutschen jenes virtuelle Internet-Grundstück bezeichnen, welches man im Englischen „Site“ nennt? Im Russischen hat man damit keine Probleme; im Russischen benutzt man, in russischer Transkription, das englische Wort "Site" (сайт); was zwar nicht sehr russisch klingt, aber doch deutlich bezeichnet, was gemeint ist. Und eine einzelne Seite dieses virtuellen Grundstücks, dieses virtuellen Buches bezeichnet man im Russischen mit dem ganz normalen russischen Wort «страница»; was dem deutschen „Seite“ entspricht.
Im Deutschen komm ich, wenn es um den Unterschied geht zwischen dem Ganzen, also dem virtuellen Grundstück oder Buch, und dem Teil, also einer einzelnen Seite, ins Rotieren. – Das mit der Seite (eben: als Teil, als Einzelseite) wäre ja an sich klar, wenn nicht der unglückliche Umstand dazwischenfunken würde, daß das englische Wort „Site“, i.e. die Bezeichnung für das Ganze, im Deutschen fast gleich ausgesprochen wird wie „Seite“. Hier hindert uns denn allein schon die Tücke des Objekts, das Ganze durch einen Anglizismus zu bezeichnen und zwingt uns, ein geeignetes deutsches Wort zu finden oder zu entwickeln.
Was tut man da?
Schon wollte ich der Einfachheit halber das Fazit ziehen, daß man am besten gar nichts tun soll: überall ist ständig sich vergrößerndes Chaos; warum nicht auch hier; und das Chaos und Durcheinander hat – so man es richtig zu nehmen versteht – durchaus seine Reize. Doch dann dachte ich: warum sollte man, der Abwechslung halber, nicht ein russisches Wort nehmen? Ganz spontan fiel mit auch ein mehr oder weniger geeignetes Wort ein: удел. Hat nur den Nachteil, daß der des Russischen unkundige Deutsche die Betonung auf die erste Silbe setzen wird und das «д» nicht erweicht. Doch wat soll's: Ab sofort werd ich das Ganze, also das, was man im Englischen als „site“ bezeichnet und im Russischen als «сайт», im Deutschen als udel bezeichnen. Iss doch eine Idee; nich? Und mit Betonung auf der ersten Silbe und unerweichtem „d“ klingt es sogar recht lustig.
Prost.
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Sonntag, 26. März 2006
Als Fortsetzung von obigem:
Jedoch: das Gemeinte als „udel“ zu bezeichnen könnte ich mich wohl nicht überwinden (weder mit deutscher noch mit russischer Aussprache). Manchmal spricht man, wie mir einfiel, von „Internetpräsenz“. Ist verhältnismäßig brauchbar; klingt bloß zu gestelzt. Vielleicht könnte man bei den „Sites“ größerer Firmen von „Internetpräsenz“ sprechen; bei kleineren „Sites“ etwa von „Internet-Ecke“? Möglich, daß letzteres auch bereits verwendet wird; kann mich zwar nicht erinnern, es irgendwo gelesen zu haben; aber es läge nahe, det so zu nennen. – Und dann gibt es natürlich noch das unerträgliche Wort „Homepage“; das ist mir so zuwider, daß ich es, trotz seiner Alltäglichkeit, gestern völlig übersehen hatte. Aber sicher gibt es auch „Sites“ oder „Präsenzen“ oder „Ecken“, die man als „Homepages“ bezeichnen könnte? Vielleicht diese ganz einfachen, weit verbreiteten „Sites“, die nach dem Muster aufgebaut sind: „Das bin ich, mein Hobby ist Fußball, meine Frau heißt Marianne und mein Hund heißt Bello“. Die kann man Homepages nennen.
Sehr gut.
Halten wir für den privaten Gebrauch dieses vorübergehende Fazit denn mal fest:
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„Sites“ von Firmen oder Organisationen: Präsenz (vielleicht fällt mir noch was besseres, weniger gestelztes ein) |
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Inhaltsgesättigteres von Einzelpersonen oder kleineren Gruppen: Ecke |
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Knapp und nicht sehr inhaltsvoll, einfach so: Homepage (und vielleicht laß ich, um niemanden zu beleidigen, das „Homepage“ ganz beiseite und tu das Gemeinte zur „Ecke“) |
Prost.
Anmerkung 16. Oktober 2006: Die "Aktion lebendiges Deutsch" schlägt den Ausdruck "Netzauftritt" vor. Scheint aber auch nicht ganz das Wahre. Bei einem Auftritt handelt es sich um eine vorübergehende Aktion: man tritt auf die Bühne, hält seinen Vortrag oder absolviert seine Zauberkunststückchen, und verschwindet wieder. Präsenz bzw. Netzpräsenz kommt der Sache um sehr vieles näher. - Und warum denn eigentlich, zum Teufel noch mal, nicht "Netzpräsenz"? Drückt, gleich "Präsenz" oder "Internetpräsenz", das aus, was gemeint ist; klingt nur besser. Und klingt auch besser als Netzauftritt. Wohlauf denn: von nun ab bezeichne ich das Gemeinte als "Netzpräsenz".
Nochmal: Prost
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Samstag, 3. Juni 2006
Doch verblüffend, was die Leute manchmal für ein Deutsch schreiben…
Wollte neugierdehalber mal nachsehen, wie mein opus „Der Stolperfall“ bei Google angeschrieben ist. Angeschrieben ist er gut, der Stolperfall; nimmt, in dreifacher Ausführung, die drei ersten Plätze ein.
Was es sonst noch so an Stolperfällen gibt ist recht interessant.
Hauptsächlich findet man es – und zwar erstaunlicherweise mal als Maskulinum, mal als Femininum – als Ersatz für „Stolperfalle“.
Ja nu. Als Maskulinum anstelle von „Stolperfalle“ („Wer will schon eine Stiege, die quietscht oder gar ein Stolperfall ist?“) ist es einfach bloß Unsinn. Doch meist wird es als Femininum gehandhabt („versehentlich mit dem Fuß im Sicherheitsgurt hängen bleibt, der unten in den Türen geführt wird und so zu einer gefährlichen Stolperfall werden kann“; „Eine Stolperfall gibt es allerdings“; usw…). Ganz arg muß man da schon sein Sprachgefühl – sofern vorhanden – vergewaltigen, um aus dem Wort „Stolperfall“ ein Femininum zu machen… Doch dem heutigen Menschen ist kein Ding unmöglich; und so handhabt man denn auch das Wort „Stolperfall“ (im Sinne von „Stolperfalle“) als Femininum.
Und noch eine weitere Anwendung gibt es; die ist zwar komisch, aber noch halbwegs annehmbar. Beamtendeutsch halt. Nämlich wird es gebraucht im Sinne von „Im Falle des Stolperns“ („Patienten, können gut und sicher gehalten und im Stolperfall abgefangen werden.“) [warum nicht gleich "stolperfalls"? Die Logik der deutschen Sprache - die ein "gegebenenfalls" problemlos zuläßt - bekäme zwar etwas Verdauungsprobleme; doch daran hat sie sich in der heutigen Zeit wohl gewöhnt...]
So viel zu den verschiedenen Stolperfällen und Stolperfallen.
p.s. Das Gesagte bleibt auch dann in Kraft, falls die von mir monierten Stolperfälle in dieser Form oder in diesen Formen von der – mir in Einzelheiten nicht bekannten – Rechtschreibereform so vorgeschrieben sind (würde mich, nebenbei b’merkt, nicht wundern). Als Autorität betrachte ich nämlich die Sprache selbst; was irgendwelche erlasseerlassende beamtete Reformer von sich geben, interessiert mich nicht.
Nachbemerkung 23. Oktober 2006: Für das erste Beispiel („Wer will schon eine Stiege, die quietscht oder gar ein Stolperfall ist?“) gibt es, wir mir bei nochmaligem Durchlesen auffiel, mildernde Umstände: Nämlich ist nicht nachgewiesen, daß damit tatsächlich „Stolperfalle“ gemeint ist. Gemeint sein könnten unter Umständen stolpernherbeiführende Umstände ("ein Fall, wo man stolpert"); was annehmbar wäre. – Für den Rest der angeführten Beispiele bleibt das Gesagte notgedrungen in Kraft.
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„In letzter Zeit ist eine neue Mode Erscheinung der Schrift Sprache zu beobachten: Die Auseinander Schreibung von Komposita.“ – Also schreibt Philipp Oelwein in der Einleitung zu seiner Agopunktions-Galerie. („Agopunktion“ steht in seiner Sprechweise für Zeichennichtsetzung).
Vorhin schaute ich in diesem Gruselkabinett mal wieder vorbei und stieß bei der Gelegenheit auch auf einen schon vor sehr langer Zeit hinterlassenen eigenen Forumbeitrag, darin ich den faktischen Sinn einiger zufällig herausgegriffener Exponate aufschlüssele. Die Sätze, auf welche unten wiedergegebene Kommentare sich beziehen, findet man auf oben erwähnter Seite.
[sollte diese oder jene der makaberen Schreibweisen inzwischen durch die mich nicht interessierende deutsche Rechtschreibereform abgesegnet sein, so wäre solches das Problem der ja auch sonst an Absurditäten nicht armen deutschen Rechtschreibereform; mir iss det im Prinzip egal]
19.02.2003 - 20:01:
kommt drauf an, was die meinen
Vielleicht tut man den Verfassern der Agopunktions-Galerie-Exponate Unrecht? Vielleicht meinten die ganz wat anderes, als was man auf den ersten Blick so meinen könnte? Vielleicht gehört das tatsächlich alles nicht zusammen? Wenn zum Beispiel ein Johann Sebastian Bach eine Matthäus-Passion geschrieben hat, so bedeutet das doch aber nicht, daß nicht irgendwo ein Mensch existieren könnte oder sich ausdenken ließe, der mit Vornamen Matthäus heißt und mit Nachnamen Passion, und daß ein Johannes Sebastian Bach ein opus verfasset hat, darin dieser Herr Matthäus Passion als Held fungiert? Wäre doch möglich; oder? Vor allem auch, da „Matthäus Passion“ eine ganz andere Intonation nahelegt als „Matthäus-Passion“. Und bei „Tankstellen Finder“ handelt es sich wohl um einen Tankstellenring, der einem Herrn Finder gehört. Warum sollte es das nicht geben? Oder auch „bei der Kinder Lied Frage“. Da wir alle keine Phantasie haben, scheint es uns zunächst, als handle es sich um eine unsachgemäße Schreibweise für „bei der Kinderliedfrage“. Aber vielleicht hat der Verfasser genau das geschrieben, was er gemeint hat? Umschrieben könnte der Sinn etwa lauten: Bei dem Lied der Kinder mit dem Titel „Frage“. Vielleicht war das so gemeint? Und daß wir den Sinn von „Erkältungs Kapseln“ nur deshalb nicht entschlüsseln können, weil wir dazu noch nicht herangereift sind & auf der Leitung sitzen? Aber das wäre doch dann unser Problem; oder?
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tiefgreifendes...
Nachfolgendes veröffentlichte ich, meinen Ärger abreagierend, am 22. Juli des Jahres 2006 im Klamurke-Blog (auch sowas gibt’s…). Kopieren wir das denn nun auch hier dazu, damit wir alles schön beisammen haben.
Die deutsche Rechtschreibereform interessiert mich insofern nicht, als ich selbst, so ich Deutsch schreibe, mich an die deutsche Sprache halte und die Willkürlichkeiten irgendwelcher zu Autoritäten ernannter Reformer nicht beachte. Andererseits passiert es doch aber immer wieder, daß man dies und jenes in deutscher Sprache zu lesen hat; und dann packt einen zwischendurch, ob man will oder nicht, eine hilflose Wut ob all dieser Reformerdämlichkeit.
Ob man etwas getrennt schreibt oder nicht getrennt hängt – wie manchen vermutlich bekannt – mit der Begrifflichkeit zusammen, die durch dieses Wort bzw. diese Wörter repräsentiert ist und somit auch mit der Intonation. Hätte es nichts mit der Bedeutung, der Intonation usw... zu tun, sondern nur mit den Launen irgendwelcher normgebender Reformer, so bräuchte man ja eigentlich weiter kein Aufhebens darum zu machen; die mit keiner Realität verbundene Schreibweise könnte man so sein lassen, wie sie ist, oder aber, wenn schon mal Reform, sich den Launen der Reformer anpassen. Aber eben der Unsinn, den die Reformer mit ihren Veränderungen anrichten, lenkt den Blick ganz brutal und schmerzhaft darauf, daß, eben: Zusammenschreiben oder Getrenntschreiben eng mit dem Inhalt und somit auch mit der Intonation verknüpft ist.
Anlaß zu vorliegendem Erguß war eine „tief greifende Veränderung“, bei der ich mich mal wieder aufraffte, mir meinen Ärger vom Leibe zu schreiben (Anlässe gibt es sonst mehr als genug; aber man hat ja auch anderes zu tun, als dauernd nur seinem Ärger Luft machen…)
Wenn man die Sache nicht rein formell nimmt, sondern lebendig, in Verbindung mit der Sprache, entdeckt man sofort, daß „tiefgreifend“ und „tief greifend“ von unterschiedlicher Intonation sind und somit auch von unterschiedlichem Inhalt. Bei „tief greifend“ ist das Verb „greifen“ im Zentrum und wird entsprechend betont, während das Adverbum „tief“ nur als charakterisierendes Anhängsel fungiert. “Ein tief greifender Baggerarm“ zum Beispiel (ein besseres Beispiel fällt mir grad nicht ein; ist ja auch egal).
Etwas ganz anderes das zusammengeschriebene Adjektiv „tiefgreifend“, welches die Konsequenzen einer Tatsache charakterisiert: Eine tiefgreifende Veränderung. (Oder, als Adverb, die Konsequenzen einer Handlung: Er hat das tiefgreifend verändert.)
Aber wozu schreib ich det alles eigentlich?
Ach ja, um mich abzureagieren… Iss ja im Prinzip auch egal…
Prost.
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Samstag, den 16. September 2006
Nichts nennenswertes…
Laut alter Rechtschreibung müßte „nennenswertes“ in obigem Falle groß geschrieben werden; was die neue Rechtschreibung dazu meint, weiß ich nicht. Mir selbst sind diese Feinheiten der Groß- und Kleinschreibung im Prinzip egal und scheinen mir nicht so zentral (dafür bringt anderes mich umso mehr in Rage); normalerweise schreib ich diese Adjektive oder Substantive nach Belieben groß oder klein; doch da im Falle von Kleinschreibung mein Tippfehlerkorrekturprogramm mich hartnäckig darauf aufmerksam macht, daß was nicht stimmt, begann ich, grad vorhin, doch mal darüber nachzudenken, woher bei mir, dem überempfindlichen[1], in diesem Falle solch unnatürliche Gleichgültigkeit kommt. Und dabei fiel mir auf, daß „nennenswertes“ in vorliegendem Zusammenhang kein vollwertiges Substantiv ist: gewissermaßen ein Adjektiv ist das, welches auf dem Wege zur „substantivischen Erstarrung“ irgendwo stehenblieb, den Punkt der Substantivierung nicht erreichte. Auch wenn das charakterisierte „nennenswerte“ Etwas im Satz nicht greifbar in Erscheinung tritt – im Hintergrund ist es trotzdem als potentielle Größe anwesend. Und „nennenswert“ charakterisiert als Adjektiv dieses im Hintergrund verbleibende potentielle Etwas[2].
„Gestern ist uns etwas recht unangenehmes passiert.“ „Das schöne an der Sache ist, daß…“
Und das lustigste an der Sache ist, daß laut grammatikalischer Rezeptur nach Wörtern wie „nichts“, „alles“, „viel“, wenig“, „genug“ – in Ausdrücken also, wo das charakterisierte Etwas zwar nicht ausdrücklich in Erscheinung tritt, aber als "potentielle Größe" gegenwärtig ist, und wo somit meinem Dafürhalten nach Kleinschreibung angesagt wäre – Großschreibung gefordert wird.
Mir kann’s ja egal sein…
Nachbemerkung 23. Oktober 2006: Nachdem ich schon mal darauf aufmerksam wurde, beunruhigt es mich denn doch. Eigentlich müßte man ja für diese wie Substantive wirkenden, ein im Hintergrund verbleibendes Etwas charakterisierenden Adjektive die Groß-und Kleinschreibung durch eine Mittelschreibung ergänzen. Gut: Ergänzen wir sie, die Groß- und Kleinschreibung, rein für den privaten Gebrauch nunmehr durch eine Mittelschreibung; und da es Unsinn wäre, rein für den privaten Gebrauch neue Zeichen zu entwickeln, gelte als Mittelschreibung fortan beliebige Groß- oder Kleinschreibung. – Womit wir, nach Durchlaufen einiger Bewußtseinsprozesse, an den Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurückgekehrt wären.
Hoffend, daß dies mir zur Beruhigung gereicht
Prost
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[1] Dieses Wort ist an der Grenze; meinem Dafürhalten nach kann man es nach Belieben groß schreiben oder klein; der – aufzeigbare – Unterschied in den Bedeutungsnuancen ist nur gering
[2] Dies gilt natürlich nicht für „das Nennenswerte“ als allgemeiner Begriff; in diesem Fall handelt es sich unübersehbar um ein groß zu schreibendes Substantiv.
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