Klamurke

Texte

Der Schreiber

Der Schreiber

(eine Ballade mit schrecklichem Ausgang)

Im steinernen Turme hoch über der Stadt,

Im Turm, in dem engen, ganz oben

Regierte der Schreiber. Er stieg nie hinab:

Wen er brauchte, den ließ er sich holen.

 

Und was man ihm brachte, das tat er notiern;

Und nur was er faßte, das durft' existiern:

Von des Lebens Saft, von der Fülle des Seins

Beließ er Geröll nur und Schutt und Gebein.

 

Bis eines Tages wilde Gesellen

Umringten in Scharen die Stadt;

Und der Obergeselle stieg rauf auf den Turm

Und führte den Schreiber hinab.

 

Sie umringten den Schreiber, sie hielten Gericht

‑ Vom Turme her dröhnten die Glocken ‑;

Der Obergeselle sprach flammenden Blicks:

Du bist im Geström das Gestocke!

 

Das Leben, das kraftvoll die Bahnen sich bricht ‑

Wie hast du es frevelnd beschnitten!

Des Werdens Strom, er verzeiht dir das nicht;

Magst noch so dich winden und bitten!

 

Und sie führten ihn raus vor die Mauern der Stadt,

In Weiten, die nie er betrat;

Und sie hängten ihn auf an den höchsten Ast:

Da hängt er, den Krähen zum Fraß.

 

Und die Krähen und Raben, sie kamen zuhauf

Zum Orte, wo dieses geschah;

Und sie fraßen ihn auf, und sie schissen ihn raus ‑

O wie düngt er die Erde so zart!

 

© Raymond Zoller

Der Schreiber

 

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