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Gemächlich nestelte die schöne Fremde an ihrem Büstenhalter; und daß sie an ihrem Büstenhalter nestelte, erfüllte uns mit tiefster Genugtuung. Denn allen war klar, daß nun etwas passieren würde.
Doch dann ließ sie von ihrem Büstenhalter ab und ergriff mit spitzen Fingern die brennende Zigarette, welche der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrende Krivoi-Krokovsky zwischen Zeige-und Mittelfinger hielt. Gedankenverloren nahm sie einen tiefen Zug und ließ langsam den eingesogenen Rauch in die Luft des Zimmers entweichen. Dann warf sie achtlos die Zigarette in das Kaminfeuer hinter ihrem Rücken, wo sie im Nu in heller Flamme verschwand.
Was hatte sie vor?
Wir wußten es nicht. Sie hatte an unserer Tür geläutet und gefragt, ob wir sie nicht zum Essen einladen wollen; und da sie ungewöhnlich gut aussah, hatten wir sie eingeladen, an unserer Tafel Platz zu nehmen. Für eine Bettlerin war sie zu elegant gekleidet; auch wirkte sie keineswegs ausgehungert. Wir vermuteten, daß die Gründe, die sie zu uns geführt hatten, keineswegs im Hunger lagen, sondern irgendwo anders, und hofften, daß sie sich im Laufe des Abends noch offenbaren würden. Keiner von uns kannte sie; niemand hatte sie vorher je gesehen.
Nun bückte sie sich nach ihrer Bluse, die sie, bevor sie sich ihrem Büstenhalter zuwandte, ausgezogen hatte. Ob sie sie wieder anziehen will?
Nachdenklich betrachtete sie die Bluse und warf sie unvermittelt Krivoi-Krokovsky, der den Verlust seiner Zigarette problemlos verkraftet und vielleicht nicht einmal bemerkt hatte, über den Kopf.
Dann wandte sie sich dem Reißverschluß zu, der in der Taille ihren engen Rock zusammenhielt; und langsam, ganz langsam öffnete sie diesen Reißverschluß und schaute dabei zu Krivoi-Krokovsky hin, der sich von der ihm die Sicht raubenden Bluse zu befreien suchte.
Warum Krivoi-Krokovsky solche Mühe hatte, sich von der Bluse zu befreien, blieb unverständlich. Einem jeden von uns waren schon irgendwelche Kleidungsstücke auf den Kopf gefallen, die in allen möglichen Nachtclubs alle möglichen Stripperinnen im Verlaufe ihrer Entblätterung von sich warfen, und nie hatten wir Probleme damit gehabt; und Krückh gar hatte einmal gedankenverloren mit seiner Gabel in einen Strumpf, der auf seinem Teller gelandet war, reingestochen und ihn in den Mund geführt. Was jedoch nur Krückh passieren kann; denn wem sonst könnte es einfallen, während des Striptease zu essen...
Die schöne Unbekannte schienen die Probleme, welche ihre Bluse Krivoi-Krokovsky bereitete, weiter nicht zu verwundern. Ihre Finger nestelten zerstreut an dem Reißverschluß; leicht schwangen ihre Hüften, als warteten sie darauf, den sie einengenden Rock abzuschütteln; und lächelnd, den Kopf leicht geneigt, guckte sie zu, wie Krivoi-Krokovsky sich abplagte.
Vielleicht wollte sie, daß er ihr zuschaut, wenn sie ihren Rock auszieht? Doch warum hat sie ihm dann mit ihrer Bluse die Sicht genommen?
Und was wollte sie überhaupt?
Fragen über Fragen. Und keiner weiß Antwort...
Nur einen kleinen Teller Krabbensalat hatte sie gegessen; sonst nichts. Wenn sie Hunger hätte, hätte sie sicher mehr gegessen. Warum wollte sie, daß wir sie zum Essen einladen?
Keiner wußte es.
Und Krivoi-Krokovsky hatte sich hilflos in ihrer Bluse verheddert. Aus einem der Blusenärmel löste sich seine Brille, die bei den Befreiungsversuchen offenbar von der Nase gerutscht war, und fiel auf den Fußboden neben seinem Stuhl.
Mit der Spitze ihres hochhackigen Schuhs schob die schöne Unbekannte die Brille unter den Stuhl; und dann öffnete sie langsam, aufreizend langsam den Reißverschluß nach unten bis zum Saume des Rockes.
Den Rock warf sie achtlos Krivoi-Krokovsky auf den Schoß. Dieser ließ von der Bluse ab, betastete kurz das neue Textil und setzte dann seine Befreiungsversuche fort.
Die schöne Unbekannte aber, statt sich weiter auszuziehen, hub nunmehr zu sprechen an:
„Jetzt möchtet ihr wohl wissen, was mich an eure Tafel zog?“
„Ja,“ antwortete Krückh, der einstens fast den Strumpf der Stripperin aufgegessen hätte. „Das möchten wir gerne wissen.“
Und all die andern nickten beifällig; außer Krivoi-Krokovsky, der weiterhin damit beschäftigt war, seinen Kopf von der Bluse zu befreien.
„Und wissen möchtet ihr, warum ich mich vor euch auszog?“
„Dein Auftritt hat uns mit großer Freude erfüllt,“ sagte Krückh; „ganz unabhängig davon, was dich dazu bewogen hat. Willst du nicht weitermachen?“
„Was soll ich mich weiter ausziehen?“ fragte die schöne Unbekannte schnippisch. „Und was wird sein, wenn ich mich ausgezogen habe?“
Betroffen schwiegen wir. In der Tat: was wird sein, wenn sie sich ausgezogen hat?
„Das hängt von dir ab,“ sagte Krückh. „Wir sind zu allem bereit.“
„Wozu seid ihr bereit?“ fragte sie.
„Zu allem,“ antworteten wir im Chor.
„Dazu wirkt ihr zu lahmarschig,“ sagte sie sachlich.
Dann legte sie sich direkt vor den Kamin, entblößte unter laszivem Räkeln ihre Brüste – und schwang sich blitzschnell in die lodernde Glut, in der sie sich, eh wir uns versahen, auflöste.
„Zweifellos eine Hexe,“ murmelte Krückh, der seinerzeit fast den Strumpf der Stripperin aufgegessen hätte.
„Ganz zweifellos,“ bestätigte Krivoi-Krokovsky, der sich, kurz bevor sie sich in die Glut stürzte, von ihrer Bluse befreit hatte, und blinzelte kurzsichtig in die lodernden Flammen.
Erst jetzt merkten wir, wie sehr sie uns verhext hatte; und um uns von der Verhexung abzureagieren, brachen wir die Tafel ab und gingen geschlossen ins Puff.