![]()
Es gibt Menschen, die kann man weder als Spione gebrauchen noch als Elektromonteure.
Solche werden dann entweder Briefträger, oder aber Nachwächter in der Hosenträgerfabrik von Ernst Krüggelmann.
Felix Beppelbeu wurde zwar nicht Briefträger und auch nicht Nachtwächter in der Hosenträgerfabrik von Ernst Krüggelmann; dafür wurde er Dozent in der Stripteaseschule von Paula Mommenbach.
Nicht von ungefähr hat Paula Mommenbach den Felix Beppelbeu als Dozenten an ihre Schule berufen. «Einen besseren und fähigeren Mitarbeiter als den Felix Beppelbeu wird man wohl kaum finden,» sagte sie in einem Interview, welches man kurz nach jener Ernennung in der Lokalpresse lesen konnte. «Was soll's, daß er zum Spion nichts taugt und auch nicht zum Elektromonteur! Soll er dafür in der Hosenträgerfabrik von Ernst Krüggelmann verkommen und versauern? Ein Mann von solchen Fähigkeiten? Besser, er bereitet in meiner Schule meine Schülerinnen auf ihre zukünftige Aufgabe vor! Sonst geht er am Ende noch zur Konkurrenz!»
Also sprach Paula Mommenbach. Was sie mit «Konkurrenz» meinte, ist schwer zu sagen; ihre Striptease-Schule ist weit und breit die einzige dieser Art. Doch vielleicht dachte sie dabei nicht nur an ihre engere Umgebung, sondern auch an das weiter weg liegende; oder aber sie hatte die Schule für Kaninchenzucht im Auge, welche schräg gegenüber lag und mit welcher sie schon seit Jahren in irgendwelche Rechtsstreitigkeiten verwickelt war.
Doch wer auch immer hier mit «Konkurrenz» gemeint sein soll - Felix Beppelbeu wurde weder Briefträger noch Nachtwächter, sondern Dozent. - Wie Frau Mommenbach dann im Weiteren die Arbeit ihres Mitarbeiters einschätzte, weiß man nicht; doch da bereits kurz nach Arbeitsantritt ihre altersbedingte Schwerhörigkeit in fast vollständige Taubheit überging und ihre Sehschwäche sich bedrohlich der Erblindung näherte, wird sie wohl schwerlich eine brauchbare Urteilsgrundlage gehabt haben; und auch mit dem Urteilen hatte es infolge fortschreitender Alterssklerose so seine Probleme.
![]()
Wie in jeder richtigen Schule gab es in der Striptease-Schule von Paula Mommenbach Schulbänke sowie ein Pult und eine Tafel. Auf den Bänken saßen junge Mädchen, die, mal in ehrfürchtigem Ernst, mal albern kichernd den Erläuterungen des jeweiligen Dozenten folgten und mehr oder weniger eifrig in ihre Hefte schrieben. Den Hauptunterricht führte die Chefin selbst. Punkt neun schob der Hausmeister sie auf einem Rollstuhl ins Klassenzimmer, hob sie vom Rollstuhl auf den Stuhl hinter dem Pult und verließ mitsamt dem Gefährt den Klassenraum. Die Tür wurde geschlossen; und im Chor begrüßten die künftigen Stripteasetänzerinnen ihre Lehrerin: «Guten Morgen, Frau Mommenbach!» Und Frau Mommenbach antwortete: «Guten Morgen, meine Schülerinnen!» Auf dem Pulte aber lag ein richtiges Klassenbuch; und dieses Klassenbuch schlug sie auf und fragte, wer fehlt; und wenn jemand fehlte, trug sie den betreffenden Namen ein und klappte das Klassenbuch wieder zu. Und auch als sie schon fast überhaupt nichts mehr sehen konnte, tat sie immer noch so, als trage sie die Abwesenden ins Klassenbuch ein. Mit der Linken schob sie dann das Klassenbuch in die rechte vordere Ecke des Pultes und begann mit zitternder Stimme ihren Schülerinnen zu erzählen, wie man sich richtig auszieht.
In ihrer Jugend hatte Frau Mommenbach für kurze Zeit das Gymnasium besucht; und zwar so lange, alsbis man sie wegen ungebührlichen Betragens von dorten entfernte; doch war das lange genug gewesen, um sich das Zeremoniell mit dem Klassenbuch für alle Zeiten einzuprägen. Und in der Tat war dies das einzige, was ihr von dieser Zeit noch geblieben war; außer einem lateinischen Zitat von Cicero, welches sie mit großem Vergnügen gegenüber ihren Schülerinnen anwandte: «Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra!» Es war merkwürdig, wie dieses Zitat, gleich einem erratischen Blocke, sich in ihrem von jeglichem Latein entblößten Bewußtsein hatte halten können; aber es war geblieben; und auch ihre Schülerinnen kannten es bereits auswendig. Doch waren da eh nicht wenige darunter mit abgeschlossenem Gymnasium, welche keine Lust hatten, Studienrätinnen oder sonstwas zu werden und sich lieber interessanteren Berufen zuwandten; und die rote Rita, eine ihrer begabtesten Schülerinnen, konnte gar die ganze Rede, aus der dieses Zitat stammt, fehlerfrei aufsagen. Den Cicero mochte sie allerdings nicht; sie fand, daß das ein fieser Intrigant war und daß das Lesen seiner Reden nur den Charakter verdirbt. Doch als sie merkte, daß sie damit ihrer Lehrerin wehe tut, ließ sie solche Kommentare sein. Denn die rote Rita hatte nicht nur eine gute Figur, sondern auch ein weiches Herz.
Nachdem man sie vom Gymnasium entfernt, hatte Paula Mommenbach viele Jahre lang selbst Striptease getanzt. Gelernt hatte sie das zwar nicht; denn Stripteaseschulen waren damals eine Seltenheit; vielleicht gar, daß es sowas überhaupt noch nicht gab. Sie hatte einfach vor dem Spiegel geübt; und weil ihr das so gut gefiel, hatte sie es auch einmal als überraschende Einlage auf einem Schulfest gebracht; und das war auch der Grund gewesen, warum man sie entfernte. Das heißt also, ganz ohne Erfahrung hatte sie, trotz fehlender Ausbildung, diese Arbeit nicht angetreten; und wie sie dann viel später, im Dienst ergrauend und mit sehr entwickeltem Können, ans Aufhören denken mußte, da allem Können zum Trotz ihre körperlichen Gegebenheiten solcher Tätigkeit nicht mehr entsprachen, erfüllte es sie zunehmend mit Schmerzen, wie unvorbereitet der Nachwuchs sich hereindrängt und wie das Niveau unerbittlich sinkt; und sie beschloß, eine Striptease-Schule zu gründen. Ohne Umschweife nahm sie die Gründung in Angriff und führte gleichzeitig einen gar interessanten Briefwechsel mit dem Kultusministerium, in welchem sie die Ausbildungsmisere in der Stripteasewelt in aller Ausführlichkeit darstellte und die unumgängliche Notwendigkeit betonte, entsprechende Ausbildungsstätten zu schaffen mit ausgearbeitetem Programm; und öffentliche Auftritte dürfe man im Weiteren dann nur noch diplomierten Absolventinnen solcher Schulen gestatten. Die Beamten des Kultusministeriums zeigten sich wohlwollend; denn jeden richtigen Beamten erfüllt es mit Schmerz, wenn er sehen muß, wie es immer noch Bereiche gibt im öffentlichen Leben, die sich seinem Zugriff entziehen und unabhängig von seiner Kontrolle ihr eigenes Leben leben; entsprechend gab es dann auch mehrere Gesetzesvorschläge; doch irgendwie ging das alles sehr holpernd und stolpernd und kam nicht recht vom Fleck. Was man ja auch verstehen kann; denn selbst solche Schritte, die zu einer notwendigen Kontrolle über bislang unkontrolliertes führen, haben mit allen anderen Schritten die für jeden echten Staatsdiener recht betrübliche Eigenart gemeinsam, daß sie sich von der Stelle bewegen; das heißt, daß sie sich von dem, was schon ist, fortbewegen zu etwas, was noch nicht ist, also zu etwas, was von dem, was schon ist, mehr oder weniger abweicht: zu einem Zustand also, der für einen richtigen Staatsdiener etwas albtraumartiges hat; denn nichts treibt ihm mehr Schrecken ein als etwas, was sich von dem, was er gewohnt ist, in irgendeiner Weise unterscheidet. Was dazu führte, daß das von Paula Mommenbach angeregte Gesetzesprojekt im Spannungsfeld verblieb zwischen dem Kontrollwillen und dem Verharrungswillen der Staatsdiener; und da in all den Jahren, die seither verflossen sind, der Verharrungswille überwog, kam das Gesetz noch immer nicht zustande. Doch hängt es wie ein Damoklesschwert über den zahllosen undiplomierten Stripteasetänzerinnen; und selbst diejenigen, die bereit wären, sich durch ein Diplom ihre Arbeitserlaubnis zu sichern, wissen nicht, welches Diplom denn nun, sollte besagtes Gesetz durchkommen, anerkannt wird und welches nicht. Weitaus besser bestellt sind naturgemäß die künftigen Dienerinnen jener holden Kunst, welche in unserer Stadt und ihrer Umgebung heimisch sind; denn diesen ist zur Genüge bekannt, welch enge Beziehung besteht zwischen besagten Bestrebungen und der Person der Paula Mommenbach; und niemand kann daran zweifeln, daß es eben ihr Diplom sein wird, welches im Falle einer Annahme des Gesetzes als maßgeblich betrachtet wird. Eben aus diesem Grunde hatte ihre Schule solch regen Zulauf.
Die meisten der Schülerinnen verdienten sich ihr Studium durch Striptease. Vor Paula Mommenbach hielt man dies natürlich geheim; die hätte sich solches auch energisch verbeten, da ihrer Überzeugung nach bei der heutigen Jugend eine sachgerechte Entkleidung nur nach erfolgter Diplomierung möglich ist. Die rote Rita zum Beispiel entblätterte sich in der Violetten Auster zu den Worten des bereits erwähnten ersten Briefes gegen Catilina von Cicero, den ihr einstiger Lateinlehrer in makellosem Latein, jedoch mit einer Intonation, die mit dem Inhalt gar sehr wenig zu tun hatte, Abend für Abend rezitierte. Wenn er, in römischer Toga am Rande der Bühne stehend, sich eine Zigarette anzündend und seine in hautengem Kleide erscheinende ehemalige Schülerin mit Kennerblicken taxierend, zu sprechen beginnt, so klingt sein «Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?» wie ein schlüpfriges Kompliment mit Aufforderung, sich auszuziehen. Wegen dieser Auftritte wurde der Lateinlehrer von der Schule verwiesen; genau wie seinerzeit Paula Mommenbach; nur daß der Lehrer halt nicht selbst Striptease macht, sondern zum Striptease rezitiert, und daß er auch nicht Schüler war, sondern eben Lehrer. Aber das von der Schule verwiesen werden hat er zweifellos mit Paula Mommenbach gemeinsam.
Doch welches ist nun die Funktion von Felix Beppelbeu an der Striptease-Schule von Paula Mommenbach? Welche Fächer unterrichtet er, und auf welche Weise trägt er dazu bei, daß die Schülerinnen die Fähigkeit entwickeln, sich sachgemäß zu entkleiden? - Dies ist fürwahr eine interessante Frage, der wir uns auch ganz sicher noch zuwenden werden. Zunächst aber weiter mit Paula Mommenbach:
Während ihres Unterrichts erklärt sie dem Nachwuchs, wie man sich wann zu bewegen hat, was man anzieht und wie man es auszieht. Ganz zu Anfang, als sie ihre aktive Laufbahn eben erst an den Nagel gehängt hatte, das heißt in den Anfangszeiten der Schule, führte sie dieses und jenes selbst vor und zog sich dabei auch schon mal aus; wie sie dann immer älter wurde, ließ sie das Ausziehen zunehmend sein; und selbst die Bewegungen führte sie immer seltener vor; dafür ging sie dazu über, an die Tafel zu schreiben und zu zeichnen; was ihr offensichtlich sehr großes Vergnügen bereitete; und obwohl die Schülerinnen mit den nicht immer verständlichen Zeichnungen in der Regel wenig anzufangen wußten und auch die isoliert hingeschriebenen Worte sich zu keinerlei System zusammenfügen wollten, schrieben sie immer eifrig mit und zeichneten ab, so gut es ging. Und als sie dann immer älter wurde und immer größere Schwierigkeiten hatte, sich zu bewegen, da ließ sie auch das Schreiben und Zeichnen sein und beschränkte sich auf den mündlichen Vortrag. Und da Paula Mommenbach mit dem sprachlichen Ausdruck nicht wenig Schwierigkeiten hatte, noch mehr als mit dem zeichnerischen, wurde dadurch bei ihren Zöglingen gar sehr die Vorstellungskraft gefördert. Sich prägnant auszudrücken überließ sie den Dichtern; sie selbst hatte sowas nie gelernt. Ihre Darlegungen waren manchmal schon gar sehr unklar und unverständlich, und ein Höchstmaß an Phantasie war erforderlich, um all dem irgendwas abzugewinnen. Diese Phantasie wurde denn auch tatsächlich aufgebracht; und nicht wenig Spaß machte es den Schülerinnen, die verschiedenen sich teilweise widersprechenden Inhalte, die sie sich aus den Auslassungen ihrer Lehrerin zusammenreimten, miteinander zu vergleichen.
Doch was hat mit all dem Felix Beppelbeu zu tun?
Geduld bitte, Geduld...
Paula Mommenbach war also für die theoretische Seite zuständig, und Felix Beppelbeu - dem wir uns, wie der Leser richtig erraten hat, nunmehr zuwenden wollen - dafür mehr für die Praxis.
Nicht, daß er selbst einmal Striptease getanzt hätte; nichts lag ihm ferner; ganz zu recht betrachtete er solches als reine Frauensache. Sicher entbehrt es nicht eines tieferen Sinngehalts, daß der Mann mehr zum aktiven Eingreifen in das Weltgeschehen neigt und die Frau dafür mehr zum passiven Sichbereithalten; doch genau so richtig ist auch, daß es sich beim Striptease genau umgekehrt verhält. Beim Striptease geht das passive, abwartende Sichzurverfügunghalten der Frau über in ein aktives Sichdarbieten; und das aktive Besitzergreifen des Mannes geht über in ein passives Konsumieren.
Felix Beppelbeus Praxisstunden bestanden darin, daß er sich vortanzen ließ. Jemand anderem hätte die ewige Stripperei sicher schon nach kurzer Zeit zur Abstumpfung gereicht. Nicht so Felix Beppelbeu. Bereits unzählige Male hatte er eine jede von diesen jungen Damen bis zur völligen Nacktheit sich entblättern sehen; doch ein jedes mal war es für ihn wieder neu und interessant; und die Begeisterung ihres Dozenten spornte die jungen Schülerinnen zu immer höheren Leistungen an.
Natürlich brachte er keinerlei Korrekturen an; sowas sei, wie er findet, keineswegs Männersache; denn nicht kann es angehen, daß er Dinge, die sich ihm zu seinem Genusse darbieten sollen, in ihrem Ablauf selbst bestimmt; solches wäre reine Selbstbefriedigung; in diesem Falle ist Sache des Mannes wie auch des männlichen Dozenten reine aktive Passivität.
Und in solch aktiver Passivität bestand also die Arbeit von Felix Beppelbeu, der weder als Spion zu gebrauchen war noch als Elektromonteur, der aber trotzdem nicht als Briefträger arbeitete und auch nicht als Nachtwächter in der Hosenträgerfabrik von Ernst Krüggelmann, sondern Dozent war in der Stripteaseschule von Paula Mommenbach.