Klamurke

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Stenka Rasin

Eugen Winkelried und Stenka Rasin

In jungen Jahren zog es Eugen Winkelried über die Grenzen der Schweiz hinaus in jenen Teil der Welt, wo die Ausländer leben; und auf diesen Wanderungen kam er einstens auch in das Reich der Moskoviter. Wie er aber dorten an einem großen Strome entlangspazierte, den man Wolga nennt, da begegnete er dem kosakischen Rebellen Stenka Rasin, dessen Verhältnis zur Obrigkeit ein ausgesprochen ausländisches war. Stenka Rasin stand neben seinem Schiffe, von dem aus er seine Spießgesellen zu ihren obrigkeitsfeindlichen Untaten anzufeuern pflegte, und blinzelte in die Sonne; etwas abseits stand ein Galgen, an dem drei Bojaren hingen sowie ein Bote, den der Zar ins Lager der Rebellen geschickt; und ringsum am Ufer und auf den Schiffen lagen wirr verstreut die Kosaken und ruhten aus von ihren Missetaten. - Eugen Winkelried trat auf Stenka Rasin zu und sagte auf Schwyzerdüütsch: "Grüß Gott. Ich bin Eugen Winkelried." - "Angenehm," antwortete Stenka Rasin auf Ausländisch. "Ich bin Stenka Rasin. Willst du einen Wodka?" - "Nein danke," sagte Eugen Winkelried." Ich trinke nur Kirschwasser." - "Aber vielleicht willst du was essen?"- fragte Stenka Rasin. "Sicher hast du Hunger von der langen Reise?" - "Gerne," antwortete Eugen Winkelried.

Sie gingen aufs Schiff; und Stenka Rasin machte sich daran, einen Hammel zu braten. "Leider habe ich keine Frau dabei und muß alles alleine machen," entschuldigte er sich. "Ich hatte eine; doch warf ich die letzte Woche über Bord." - "Von dem Vorfall ward mir berichtet," antwortete Eugen Winkelried und verschwieg, was er von der Sache hielt. Typisch Ausländer!

"Du scheinst eine weite Reise hinter dir zu haben," bemerkte Stenka Rasin, als sie schließlich zu Tische saßen. "Darf man fragen, woher du kommst?" - "Ich komme aus der Schweiz," antwortete Eugen Winkelried würdevoll." - "Aus der Schweiz?" - fragte Stenka Rasin kauend. "Nie gehört." - "Es ist das einzige Land der Welt, das nicht Ausland ist," sagte Eugen Winkelried. - "Interessant..." Stenka Rasin nagte den letzten Bissen von der Keule, die er in der Hand hielt, und warf sie hinter sich auf den Teppich. "Und gibt’s viele Bojaren bei euch?" - "Wir verfügen über eine wohlorganisierte Obrigkeit, welche in selbstaufopfernder Weise für Recht sorgt und für und Ordnung," rief Eugen Winkelried streng und blickte finster den Rebellen an. - "Ich meinte ja nur...", antwortete Stenka Rasin erschrocken. - "Vielen Dank für das Essen," sagte Eugen Winkelried und stand auf. 

Stenka Rasin geleitete seinen Gast von Bord. "Vielleicht besuch ich dich mal in der Schweiz," sagte er zum Abschied.

"Da mußt du dir aber ein Visum besorgen und einen ordentlichen Paß" antwortete Eugen Winkelried und ging davon; und nie wieder ward er in dem Lager der kosakischen Rebellen gesehen. 

Stenka Rasin aber ward von einer tiefen Ratlosigkeit befallen; und um sich daraus zu befreien, trank er fünf Glas Wodka und legte sich dann schlafen.

 

© Raymond Zoller

Eugen Winkelried und Stenka Rasin 

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