Klamurke

Vermischte Notizen und Anmerkungen

Vermischte Notizen und Anmerkungen

Zur Energiekrise in Georgien Januar 2006

Vom Rehabilitieren

Mittwoch, 28. Juni 2006

Am 17. Juli 1918 wurde in Jekaterinburg Nikolai Alexandrowitsch Romanov ermordet; zusammen mit seiner Familie. Es war dies eine Zeit des allgemeinen Mordens und Blutvergießens; so viel wurde gemordet, daß die meisten der in diesen und den folgenden Jahren gewaltsam abgebrochenen Einzelschicksale in Vergessenheit gerieten. Denn das ging in die Millionen… An die Ermordung von Nikolai Alexandrowitsch Romanov erinnert man sich aus dem Grunde, weil er, unter dem Namen Nikolai II, der letzte russische Zar war.

Und nun, neunzig Jahre später, bemüht eine gewisse Maria Romanova, Nachfahrin jener einstmals Rußland beherrschenden Familie, die russischen Gerichte mit der Forderung, den ermordeten Nikolai zu rehabilitieren. Einzelheiten dieser traurigen Komödie kann man, zum Beispiel (in Russisch) nachlesen unter http://www.gazeta.ru/2006/06/26/oa_205569.shtml.

Was eine solche Rehabilitation beinhalten soll, was man durch sie erreichen will – bleibt unverständlich. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde nach der „Entlarvung des Personenkults“ fleißig rehabilitiert; das heißt, Menschen, welche aufgrund des Stalin-Terrors unschuldig jahrelang in Lagern oder Gefängnissen eingesperrt waren, wurden befreit und erhielten eine Bescheinigung, daß sie unschuldig sind; und wer den Terror nicht überlebt hatte, wurde posthum rehabilitiert. Das war alles sinnvoll; denn mit der „Entlarvung des Stalinschen Personenkultes“ hörte die Sowjetunion mitsamt ihrer Verfassung nicht auf, zu existieren: der Rehabilitierte galt im Sinne der Verfassung als unbescholtener Bürger, hatte unter Umständen Anrecht auf Entschädigung; und selbst eine posthume Rehabilitierung brachte bei der in der Sowjetunion üblichen Sippenhaft immerhin Vorteile für die Familie.

Inzwischen hat die Sowjetunion mitsamt ihrer Verfassung aufgehört, zu existieren, und wer durch den Stalin- und auch post-Stalin-Terror in Mitleidenschaft gezogen war, hat, ob rehabilitiert oder nicht, mitsamt Angehörigen keinerlei Nachteile mehr zu befürchten. Und auch der gesellschaftliche Ruf ist nicht gefährdet, da heute allgemein bekannt ist, daß das Hineingeraten in die Mühlen der sowjetischen Terrorjustiz nichts mit moralischen Qualitäten des Betroffenen zu tun  hatte (oder höchstens in dem Sinn, als moralisch hochstehende da noch leichter reingerieten als andere).

Der Staatsapparat ist – was leicht übersehen wird – eine rein pragmatische Angelegenheit, welche das Zusammenleben der Menschen regelt oder zumindest regeln soll. Daß er nicht selten – selbst von stramm atheistisch auftretenden – mystifiziert wird, hat mit dem realen Sachverhalt nichts zu tun; oder höchstens insofern, als er, der reale Sachverhalt, vernebelt wird und daß dem Staatsapparat durch solche Mystifizierung eine Macht zugesprochen wird, die ihm eigentlich nicht zusteht (im Deutschen gab oder gibt es, zum Beispiel, eine Bezeichnung „der Vater Staat“, und so weiter…). Interessante Folge solcher Mystifizierung ist, zum Beispiel, daß besonders bei autoritätshörigen Zeitgenossen die moralischen Qualitäten eines Menschen bestimmt werden auf Grundlage seiner Beziehung zum Staatsapparat. Wurde er durch den Staatsapparat nie zur Rechenschaft gezogen, ist er „unbescholten“ – so ist er in Ordnung. Ein Mensch kann um sich herum seine Mitmenschen das größte Elend stürzen – wenn er es schafft, solches unter Vermeidung von Konflikten mit dem Staatsapparat zu bewerkstelligen und unbescholten zu bleiben – so ist er ein geachteter Bürger. – Solche Ablenkung von den faktischen moralischen Qualitäten eines Menschen, vom faktischen Wert seines Tuns ist, eben, eine Folge der Mystifizierung des Staatsapparats.

Kommen wir zurück zu Nikolai Alexandrowitsch Romanov. Wenn man seine Tagebücher und Aufzeichnungen liest und die geschichtlichen Ereignisse jener Zeit sich vergegenwärtigt, in die er eingriff oder zumindest hätte eingreifen sollen – bekommt man den Eindruck, daß das ein hochanständiger Kerl war und ein vorbildlicher Familienvater; daß er aber das ganz große Pech hatte, in eine Funktion hineingeboren zu werden, der er aufteufelkommraus nicht gewachsen war. Wenn man seine Aufzeichnungen und seine Taten genauer studiert, kann man sich so nach und nach ein Bild machen von dieser Persönlichkeit und ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Wenn man es studiert… Wenig bis gar keine Anhaltspunkte zu den moralischen, menschlichen Qualitäten jenes Nikolai Romanov erhält man hingegen aus der Tatsache, daß er am 17. Juli 1918 in Jekaterinburg erschossen oder ermordet wurde.

Von einer „moralischen“ Rehabilitation kann bei näherem Hinsehen keine Rede sein; das sind Dinge, die mit dem Staatsapparat nichts zu tun haben (wie gesagt: höchstens für solche, die den Staatsapparat mystifizieren und den Wert eines Menschen an der Art seiner Beziehungen zu selbigem bemessen; doch das ist deren Problem). – Was für praktische Folgen eine Rehabilitation für die entfernten „Hinterbliebenen“ haben könnte – bleibt schleierhaft1). Niemand verfolgt sie, niemand macht ihnen einen Vorwurf daraus, daß sie entfernt verwandt sind mit jenem vor neunzig Jahren ums Leben gekommenen…

So daß man etwas Mühe hat zu verstehen, was das eigentlich soll…

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1) Die Richter, die sich mit dieser Spiegelfechterei abzuquälen haben, meinen, daß es sich bei jener Erschießungsaktion um einen kriminellen Akt, also um einen ganz normalen Mord handelt und daß deswegen von einer Rehabilitierung keine Rede sein kann. – Um im Sinne der jenem Rehabilitierungsgesuch zugrundeliegenden verworrenen Mystik definieren zu können, ob es sich um einen Mord oder um eine Hinrichtung handelt, muß man erst feststellen, ob im juristisch-mystischen Sinne zu jenem Zeitpunkt die Sowjetunion bereits als existent zu betrachten ist; und wenn ja: ob der Befehl zur Erschießung von beglaubigten Vertretern dieser Staatswesenheit erging, oder ob die Erschießenden nach eigenem Gutdünken handelten. – Obwohl man sich fast schämen muß, einen solchen keinerlei Realitäten berührenden Gedankengang überhaupt auszusprechen, sei er der Vollständigkeit halber trotzdem erwähnt.

  

Zur Energiekrise in Georgien Januar 2006

Gay-Parade in Moskau

Sonntag, 28. Mai 2006

„Bloß weil ihr hintenrum verkehrt

Seid ihr noch nicht Genies…“

(Erich Kästner)

Gestern wurde in Moskau eine von der Stadtverwaltung nicht genehmigte Gay-Parade abgehalten. Es kam zu Zusammenstössen mit der Polizei, mit – eh überall mitmischenden – Radikalengruppen und mit einfachen Bürgern, denen dieses schwule Getue einfach bloß gegen den Strich ging. In den westlichen Medien werden nun diese Zusammenstösse als Verstöße gegen die Menschenrechte gerügt.

Persönlich finde ich es in Ordnung, daß Lushkov diese Parade verbot. Es gibt zahllose Zeitgenossen, für welche Homosexualität eine ausgesprochen widerliche Angelegenheit ist; und die Konfrontation damit kann unter Umständen als genau so unangenehm empfunden werden, als wenn mitten auf dem Bürgersteig jemand seine Notdurft verrichtet.

Daß für die Homosexuellen Homosexualität etwas völlig normales ist, ist klar; und niemand hindert sie daran, das für sie normale unter sich auszuleben (die Zeiten, daß Homosexualität kriminalisiert wird, sind in den meisten Ländern zum Glück vorbei). Warum dann ein solches Tamtam veranstalten und sich lautstark als „unterdrückte Minderheit“ bemerkbar machen?

Mir persönlich ist es eigentlich egal, ob jemand heterosexuell ist oder homosexuell oder sonstwat; das ist seine eigene Sache sowie Sache derjenigen, mit denen er in der Sphäre seiner sexuellen Vorlieben zu tun hat; mich geht das nichts an, und es interessiert mich, ganz ehrlich, auch nicht. Etwas anderes ist, wenn er seine sexuelle Orientierung aggressiv zur Schau stellt, sie gar als „fortschrittlich“ und als „das einzig wahre“ deklariert und sich dabei einen Dreck schert um das Empfinden seiner Umgebung: Solch aggressive Selbstdarstellung ruft auch in mir Aggressivität hervor. Genau: solches ärgert mich. Und das geht wohl vielen Zeitgenossen so. Und da die Schwulenbewegung in der Regel schon sehr aggressiv sich in der Öffentlichkeit bemerkbar macht, ist auch die dadurch hervorgerufene Gegenaggressivität entsprechend stark.

Wenn die Homosexuellen wollen, daß man sie in Ruhe läßt, sollen sie auch ihre nichthomosexuellen Mitmenschen in Ruhe lassen; und schon ist alles in Ordnung.

 

Zur Energiekrise in Georgien Januar 2006

Zur Energiekrise in Georgien Januar 2006

aus einem Brief vom 27. Januar 2006

mir sind diese griffigeren postsowjetischen Probleme lieber als die verschwommenen, kaum zu packenden westlichen Wohlstandsprobleme; die Leute werden davon ganz kleinlich und kleinkariert und verlieren immer mehr den Faden. Zum Glück merken sie letzteres nicht, so daß sie, bis zu vermutlich eintretenden griffigeren Katastrophen, es sich noch mehr oder weniger behaglich machen können.

So iss das Leben.

Hier isses natürlich kalt und zwischendurch stromlos. Ansonsten hab ich leicht reden: Selbst hab ich aus irgendwelchen Gründen durchgehend Gas, und an Stromausfällen seit Sprengung der Gasleitung ein paar ganz kurze sowie zwei mehrstündige. Gestern telefonierte ich mit mehreren Leuten, die, gleich mir, in Tbilissi leben und seit mehreren Tagen durchgehend ohne Gas und Strom sind. Ist auch alles finster ringsum. Gestern Abend, als nach mehrstündigem Stromausfall bei mir das Licht wieder anging, blieben die Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite noch lange dunkel. Warum die Ecke, in der ich lebe, so privilegiert ist, weiß ich nicht; doch will ich darüber natürlich nicht klagen. Gestern las ich in russischen Internetnachrichten, daß ganz Tbilissi ohne Strom ist und daß nur wichtige Objekte mit Strom versorgt werden; und wenn das wirklich so wäre, hätte ich diese Nachrichten gar nicht lesen können. Doch ringsum ist es, wie gesagt, wirklich duster; und zu alledem: solche Schneefälle hab ich in Tbilissi noch nicht erlebt. – Wie weit Rußland daran Schuld hat – nicht am Schneefall, natürlich, sondern an der Energiekrise – weiß ich nicht; ich hab natürlich keine Ahnung, was da hinter den Kulissen so läuft; ich habe nur den Eindruck, daß die Georgische Bevölkerung künstlich gegen Rußland aufgehetzt wird. – Nach Sprengung der Gasleitung (an welcher die russische Regierung vermutlich keine Schuld trägt) erhöhte Rußland den Druck auf der Leitung, welche nach Aserbaidshan führt und von dort weiter nach Georgien, um auf solchem Wege die Sache etwas auszuglätten. Am russischen Fernsehen sah ich Reportagen vor Ort über die Reparaturarbeiten an der gesprengten Leitung; es gibt da verschiedene technische Probleme, aufgrund welcher die Sache noch etwas dauert; und das klang alles sehr plausibel. Außerdem hat Rußland die Stromlieferungen an Georgien verdreifacht (weitere Erhöhung wäre aus technischen Gründen nicht möglich).

Zur Energiekrise in Georgien Januar 2006

Weitere gelegentlich & nach Lust und Laune erstellte Anmerkungen im Klamurkischen Blog

 Vermischte Notizen und Anmerkungen

Raymond Zoller

 
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