Klamurke

Klamurksophisches

Im Zeichen der Klamurke

Autobiographischer Abriß in klamurkosophischer Sicht

 

Im Zeichen der Klamurke

 

Autobiographischer Abriß in klamurkosophischer Sicht

Als ich noch jünger war, war ich nicht nur jünger, sondern auch viel dümmer. Doch war ich nicht dumm genug, um nicht zu merken, wie dumm ich war.

Ich zog durch die Welt und verstand kaum, was um mich herum vorging. Das einzige, was ich verstand, war: daß ich nichts verstehe.

Meine geistigen Kräfte reichten nicht aus, meinem Leben eine klare Richtung zu geben. Die Formel, in die ich meinen Lebensinhalt kleidete, lautete, ganz einfach: "Ich bin nicht in der Lage, mich umzubringen. Deshalb versuche ich, zu leben." Tiefer einzudringen in die Triebfedern meines Daseins war mir nicht vergönnt. (Und erst sehr viel später wurde mir bewußt, daß die meisten meiner Zeitgenossen nicht unbedingt in einer besseren Lage waren als ich; nur, daß sie nichts merkten und die Mechanismen, in die sie bewußtlos eingespannt waren, mit ihren eigenen Triebfedern verwechselten)

Doch verhältnismäßig früh begann mir zu dämmern, daß mir in dieser bewußt durchlebten Dummheit eine gewisse Lebensaufgabe gegeben ist. Mit 25 - ich arbeitete damals als Hilfsarbeiter auf dem Bau - kritzelte ich in einen Notizblock, den ich immer mit mir führte, die Bemerkung, daß es wohl mein Schicksal sei, zeitlebens Klamurkenphilosophie zu treiben. Wobei ich unter "Klamurke" den seelischen Kerker verstand, in dem ich mich gefangen fühlte. Selbige Notiz kam, wie ich mich erinnere, auf dem Dachboden irgendeines Hauses in der Stadt Luxemburg zustande, dessen Dach ich in meiner Funktion als Hilfsdachdecker decken oder reparieren half. Gleichfalls auf einem Dachboden, unter einem zu deckendem oder zu reparierendem Dach, fiel mir plötzlich der verrückte König Johann von Böhmen ein; das heißt, in erster Linie sein völlig verrückter Tod auf dem Schlachtfeld von Crécy, wo er, der vollständig erblindete, sich in das Schlachtgetümmel führen ließ und bei selbiger Gelegenheit, in seiner Dunkelheit aufs Geratewohl  mit dem Schwert um sich schlagend, zu Tode kam. Zu diesem Kampf in völliger Finsternis fühlte ich plötzlich starke Verwandtschaft; und das machte auf mich einen solchen Eindruck, daß ich, als ich nicht sehr viel später diese Arbeit hinschmiß und über komplizierte Umwege von Luxemburg in die Schweiz fuhr, sehr lange im Saargebiet herumkurvte und nach seinem Grab suchte (das sich, wie ich später erfuhr, längst nicht mehr dort befand).

Anno 1978 – 28 Jahre alt war ich damals – begann ich zu ahnen, daß man versuchen müßte, in der Literatur, im Schreiben Wege zu ertasten, die aus der Dunkelheit heraus in die Wirklichkeit führen; und ich trug mich mit dem Projekt eines Verlags, den ich "Wege in die Wirklichkeit" nennen wollte. Aber außer diffusem einsamem Herumtasten wäre für dieses Projekt keinerlei Inhalt dagewesen; und so blieb einzig der Name als eine Art Wegmarke hinter mir zurück...

1981, nach einem gescheiterten freien Studienprojekt, zog ich mich zurück, um in einem Rundschreiben das Anliegen dieses Projekts zu formulieren. Über diesem Rundschreiben saß ich mehrere Monate; und was letztendlich herauskam, hatte kaum noch zu tun mit dem, was ursprünglich beabsichtigt war. Nämlich driftete ich gleich zu Anfang ab in die Grundproblematik des Verhältnisses zwischen Floskel und Wirklichkeit; wobei ich mich insbesondere bemühte, die Floskologie eines Milieus, in dem ich mich damals vornehmlich bewegte, für mich selbst und vielleicht auch für andere aufzusprengen. Nach vielem Mühen und Herumkorrespondieren kam zunächst ein kurzer Essay zustande unter dem Titel "Geist und Sattheit" und wurde in der Zeitschrift "Jedermann" veröffentlicht. Von da ab erschienen monatelang in jeder "Jedermann" - Nummer Essays von mir; und ein jeder von ihnen bedeutete für mich eine Wegmarke in Richtung Klärung. Von zentraler Bedeutung wurde für mich der Moment, wo mir erstmals griffig wurde, wie Wort und Begriff auseinanderfallen können; wie ein Wort, von den meisten unbemerkt, seinen ursprünglichen Begriff verlieren kann und fortan als leere Floskel dasteht oder gar einen völlig neuen Begriff aufnimmt, der mit dem ersten nichts zu tun hat, vielleicht gar mit ihm in Widerstreit steht[1].  - Die Sachen, die ich damals – in der Regel in allerkleinsten Auflagen – unter die Leute brachte, waren rudimentär, tastend; ich würde sowas heute nicht mehr veröffentlichen, da ich inzwischen weiter bin und vieles, um das ich damals hilflos herumstotterte, inzwischen ohne große Probleme aussprechen kann; damals aber waren diese Texte für mich und für manche, die damit in Berührung kamen, eine wichtige Strecke Weges; und ich würde sie heute trotz ihrer Unvollkommenheit und obwohl sie kaum Verbreitung fanden, als wesentlich elementarere Äußerungen des Todeskampfes der absackenden mitteleuropäischen Kultur betrachten als manches g'scheit ausformulierte[2]. Über diese Veröffentlichungen kam es zu interessanten und weiterführenden Gesprächen und Briefwechseln; und in dem "Jedermann"-Aufsatz "Kultur - was ist das?" konnte ich die im Titel formulierte Frage für mich - und, soweit mir bekannt, auch für einige andere - zu einer gewissen Klärung bringen. (..."In einer Korrespondenz über die Frage, wie weit es sinnvoll ist, in geistige Auseinandersetzungen persönliche Erfahrungen einzubringen wurde gesagt, daß sowas "eigentlich nur die anregen kann, die in sich wenigstens noch ein Fünkchen einer Frage" haben. Und: "Vielleicht geht ein solches Gespräch nur unter Freunden?" - Jedoch: dieses Fünkchen einer Frage - das ist doch eben der Bereich, in dem die geistige Auseinandersetzung überhaupt Sinn und Inhalt hat. Und wo die Fragestellung nicht Kampfplatz ist oder Tummelplatz von Funktionären, sondern existentieller Betroffenheit entspringt - da ist Freundschaft. - Aber dies ist - leider - fast die Ausnahme. Als Fragender Und Betroffener fühlt man sich dem allgemeinen Überbau-Geistesleben gegenüber schuldig...")[3]. Dieser Aufsatz brachte den Klärungsprozeß zu einem gewissen "Zwischenabschluß" und bedeutete gleichzeitig den Abschluß der "Jedermann"-Phase. Ein Leserbrief zu diesem Aufsatz führte zu einem angeregten Briefwechsel und - über ein Jahr später - zu einem neuen Vorstoß via auszugsweises Veröffentlichen dieses Briefwechsels[4]. Der rote Faden, um den sich die Auswahl aus diesem - sehr umfangreichen - Briefwechsel herumgruppierte war wiederum - wie bereits aus dem Titel hervorgeht - das Bemühen, zwischen Prozeß und Erstarrung, Floskel und lebendigem Wort zu unterscheiden; und darüber hinaus sollte es unabhängig von den Inhalten Mut und Anregung geben, sich selbst abseits der ausgetretenen Floskelpfade seinen Weg zu bahnen.

Ende 1984 gab es einen ersten ernsthaften Vorstoß Richtung "Klamurke"; das heißt in Richtung einer Zeitschrift unter diesem Namen, in der liegengelassene und tabuisierte heiße Eisen in Sachen geistiger Befreiung hätten aufgegriffen werden sollen. Sehr weit führte dieser Vorstoß damals zwar nicht; nichtsdestotrotz brachte er einiges in Bewegung.

1986 dann eine Phase ausgiebiger Beschäftigung mit dem Phänomen der Kleinanzeigen, die schließlich in dem Aufsatz "Die Kontaktanzeigenkultur" mündete. ("Von allem im deutschsprachigen Raum Geschriebenen und Gedruckten erscheinen mir heuer die Kontaktanzeigen als vornehmste und ehrlichste Ausläufer der vielbeschworenen verschüttgegangenen mitteleuropäischen Kultur...Und schon lange scheint es mir, als müsse eine gewissenhafte "sozial-kulturelle" Therapie weniger dort ansetzen, wo aus in Buchdeckeln eingezwängtem "Ragout aus andrer Schmaus" kultureller Überbau produziert wird, denn dort, wo aus Einsamkeit und innerer Not schüchtern und unsicher, sich selbst nicht verstehend, die letzten Ausläufer dessen hervorsickern, was Mitteleuropa in seinen Untergründen ausmacht...So wir Wege suchen aus der allgemeinen Not und Stagnation, müssen wir im Dickicht des kulturellen Überbaus Ausschau halten nach Äußerungen dessen, was unsere Zeitgenossen in Wahrheit bewegt." - Und als weiterer provokativer Hinweis stand da noch: "Doch - unter uns: Was schert uns die mitteleuropäische Kultur! Zum Teufel mit ihr! Uns selbst wollen wir retten; was geht uns da die Kultur an! - Und sollte sich aus unserem Zusammenwirken, das heißt aus dem Zusammenwirken der sich selbst und sich gegenseitig Rettenden irgendetwas sich ergeben, was spätere Generationen als wiedererstandene mitteleuropäische Kultur bezeichnen - von mir aus! Unser Problem aber ist ein anderes." - Der Kontaktanzeigen-Artikel brachte mich auf den Gedanken, mein Schreiben teilweise aus dem redaktionellen Teil in die Kleinanzeigen zu verlegen: nämlich hatte ich bis dahin immerhin schon so viel verstanden, daß wir "normal" veröffentlichtes noch zu sehr mit dem unwillkürlich anerzogenen zu nichts verpflichtenden "Bildungsphilisterblick" lesen. Von da ab begann ich, als Kleinanzeigen verkleidete provokative Fragen zu stellen[5].

Ende 86 setzte dann eine mehr belletristisch geprägte Phase ein. Es begann damit, daß ich einem Komponisten verschiedene Kurztexte und Gedichte zeigte, die im Kampf gegen die innere Öde entstanden waren und die ich bis dahin nicht übermäßig ernstgenommen hatte. Da diese Sachen auf Interesse stießen, begann ich, mich auch selber dafür zu interessieren und mich stärker auf belletristische Produktion zu konzentrieren. Es war eine Fortführung des Kampfes gegen die geistige Stagnation mit anderen Mitteln[6].

Später stieß ich auf Nietzsches Analyse des "Bildungsphilistertums". - "...Er (der Bildungsphilister) haßt aber keinen mehr als den, der ihn als Philister behandelt und ihm sagt, was er ist: das Hindernis aller Kräftigen und Schaffenden, das Labyrinth aller Zweifelnden und Verirrten, der Morast aller Ermatteten, die Fußfessel aller nach hohen Zielen laufenden, der giftige Nebel aller frischen Keime, die ausdorrende Sandwüste des suchenden und nach neuem Leben lechzenden Deutschen Geistes. Denn er sucht, dieser deutsche Geist! und ihr haßt ihn deshalb, weil er sucht, und weil er euch nicht glauben will, daß ihr schon gefunden habt, wonach er sucht. Wie ist es nur möglich, daß ein solcher Typus, wie der des Bildungsphilisters, entstehen und, falls er entstand, zu der Macht eines obersten Richters über alle deutschen Kulturprobleme heranwachsen konnte; wie ist dies möglich, nachdem an uns eine Reihe von großen heroischen Gestalten vorübergegangen ist, die in allen ihren Bewegungen, ihrem ganzen Gesichtsausdrucke, ihrer fragenden Stimme, ihrem flammenden Auge nur eins verrieten: Daß sie Suchende waren, und daß sie eben das inbrünstig und mit ernster Beharrlichkeit suchten, was der Bildungsphilister zu besitzen wähnt.... Was urteilt aber unsere Philisterbildung über diese Suchenden? Sie nimmt sie einfach als Findende und scheint zu vergessen, daß jene sich selbst nur als Suchende fühlten.")[7]

Nicht zuletzt Nietzsche verdanke ich, daß ich in diesen "heroischen Gestalten" meinesgleichen erkennen und – zunächst noch wie durch Nebel hindurch – durch Auseinandersetzung mit ihren Werken Kraft und Anregungen finden konnte[8]. Erleichtert wurde dieses "Finden" noch durch den glücklichen Umstand, daß ich seinerzeit das Gymnasium nicht bis zu Ende durchgehalten hatte und absprang, noch bevor man mir jenes Panoptikum in seiner vollen Zuckergußpracht hätte präsentieren können.

Ende der achtziger Jahre kam das Verfassen von Essays wie auch das Briefeschreiben (beides war und ist eng miteinander verbunden) weitgehend zum Erliegen: Die meisten, mit denen ich mich einstmals gemeinsam durch Dickichte vorwärtsgekämpft hatte, hatten irgendwas gefunden, igelten sich ein in irgendwelchen Ideologien; und selbst wo solche Ideologie geistige Freiheit und Entwicklung auf ihrem Banner stehen hatte, begnügte man sich damit, selbiges Banner hochzuhalten und fleißig Worte zu wiederholen von geistiger Freiheit und Entwicklung; was alles sich offenbar am leichtesten während des Aufderstelletretens bewerkstelligen läßt. Es gab kaum noch jemanden, mit dem ich mich hätte austauschen können. – Briefe und Essays schrieb ich also kaum noch; dafür verlegte ich mich vollends auf das Verfassen von Belletristik. Warum ich solches tat – weiß ich selbst nicht; aber ich schrieb.  Ein spürbarer Vorteil dieses Schreibens bestand darin, daß es zu einem souveräneren und lockereren Umgang mit der Sprache kam und zu einem vollständigen Abschütteln der kämpferischen Verbissenheit aus den Anfängen der "Essay"-Zeit. (abgesehen von dem Mangel an Übung hatte jene kämpferische Verbissenheit auch noch damit zu tun, daß ich damals in völliger Finsternis kämpfte: man spürte überall den Feind, ohne ihn zu sehen. Im weiteren Fortschreiten der "chemischen Analyse des Unbehagens" - wie ich mein Bemühen u.a. betitelte - wurde das Kampffeld übersichtlicher; manches konnte man lockerer nehmen).

Im Mai 1991 kam es zu einem weiteren Vorstoß in Richtung Herausgabe der "Klamurke", der zunächst wieder zum Erliegen kam; doch wurde später, Anfang 1993 auf Grundlage des damals erstellten Materials in Moskau – wo ich seit Anfang 1992 lebte - in Winzig-Auflage eine Nullnummer gedruckt und über eine Kontaktperson in Deutschland gezielt verteilt (bzw.: hätte gezielt verteilt werden sollen). - Das Grundanliegen wurde teilweise verstanden, teilweise auch nicht; Reaktionen zwischen gleichgültig und begeistert. Zu einer Weiterführung des Projektes reichte es nicht; was einerseits an der Unzulänglichkeit der Verteilung lag, andererseits aber auch damit zusammenhing, daß der eigentliche Kern noch nicht deutlich genug herausgearbeitet war. - Ein interessanter Einwand lautete: Die Klamurke kranke daran, daß sie keine Wege aufzeigt. Ein fatales, wennauch symptomatisches Mißverständnis: Nämlich wäre eine «Wege aufweisende» Klamurke ein Widerspruch in sich selbst. Die Klamurke sollte Hilfestellung leisten, das Verheddertsein in bestehenden «Wegen» bewußtzumachen und eigene Wege zu schlagen... («Ich bin euer Geländer am Strom. Eure Krücke aber bin ich nicht...»). Instanzen, die reproduzierbare Wege aufzeigen (und somit den Plunder, in dem man sich verheddert, nur noch vergrößern) gibt es auch so genug. Bei Zustandekommen des Projekts hätte solches sich befreiende Weiterstreben, solch individuelles Weitergehen im Gespräch mit seinesgleichen vonstatten gehen können; oder, wie manche das zu nennen pflegen (ohne immer genau zu verstehen, was es eigentlich beinhaltet): in Beratung. Die «Klamurke» hätte das Organ abgeben sollen für solches freilassende Gespräch, für solche «Beratung».

Das Beratungsorgan «Klamurke» blieb also stecken. Ich schrieb das Projekt als gescheitert ab und trauerte ihm weiter nicht mehr nach; obwohl ich mir bewußt war, daß eine solche «Klamurke» dringendst gebraucht würde. Auf der einen Seite immer größere Versumpfung, seelische Verelendung; auf der andern Seite verirren sich die edelsten Ansätze geistiger Befreiung, kaum daß sie geboren, in Floskel und Jargon... Die Menschen können es wohl nicht besser; wie ein geistiges Gift, das in der Atmosphäre liegt und jeden echten Ansatz, kaum daß er richtig durchgekommen, in sein Surrogat verwandelt. – Selbst hatte ich inzwischen durch das Leben in einem anderen Sprach-und Kulturbereich die Möglichkeit gefunden, mich stärker gegenüber diesem mitteleuropäischen Wust, in den ich verheddert gewesen war, zu emanzipieren, konnte selbigen Wust aus der Distanz in seiner Konsistenz auch besser durchschauen: «Die Narrenkappe werf ich tanzend in die Luft: Denn ich entsprang...»

Ende August 1996 – ich arbeitete damals als Redakteur in einem soliden Moskauer Verlag – bot man mir an, den Chefredakteurposten eines im Entstehen begriffenen Erotik-Blattes zu übernehmen. Interessant war ich für die Herausgeber als zweisprachiger Autor (ich schreibe und veröffentliche in Deutsch und in Russisch) und  - als Herausgeber der «Klamurke» (wovon sie Wind bekommen hatten). Und größten Wert legte man darauf, daß das Blatt eben in Zusammenarbeit mit der deutschen Zeitschrift «Die Klamurke» erscheint; und das drucken sie auch bereits auf ihre Werbung. Was zunächst ein nicht ganz ehrliches Eindruckschinden war; ich machte sie auch darauf aufmerksam, daß solches nicht meinem Stil und vor allem nicht dem Stil der «Klamurke» entspricht; doch ließ ich sie gewähren, da ich die Möglichkeit sah und die Absicht hatte, besagte Aussage im Verlaufe der Arbeit wahr werden zu lassen. - Also begann die erotische Phase der Klamurke.

Besagtes Blatt kam letztendlich aus verschiedenen Gründen doch nicht zustande; Gewinn dieses Unternehmens für mich war aber ganz sicher der, daß ich mir ausführlich Gedanken darüber gemacht hatte, wie man den "Geist", das Anliegen der Klamurke in ihm zunächst fremd scheinenden Bedingungen verkörpern könnte; und zusätzlich ergaben sich noch interessante Probleme und Möglichkeiten durch die Tatsache, daß das vorgesehene Blatt in zwei Sprachen hätte erscheinen sollen; wodurch die zunächst im deutschsprachigen Bereich geborene Ausgangsproblematik sich in gewisser Hinsicht mit den spezifischen Problemen der russischen und postsowjetischen Welt verbindet. Sich hierüber ausführlicher auslassen, würde zu weit führen; es sei aber mal angedeutet, daß solche Erwägungen und Überlegungen stattfanden.

Was gäbe es sonst noch zu der Klamurke und deren Chefredakteur zu sagen? Viel gäb's zu sagen; doch wollen wir es mal bei dem Gesagten bewenden lassen; im Falle von Interesse kann man das Gespräch immer noch fortsetzen.

Zur Person kann man vielleicht noch anführen, daß ich anno 1950 in Luxemburg geboren bin und daß ich vorliegenden biographischen Abriß am 15. Juli 2000, bei brütender Hitze (sicher 40 Grad) um 16 Uhr 10 Tiflisser Zeit in der Georgischen Hauptstadt Tbilissi oder, nach Belieben, Tiflis, zum Abschluß bringe.

Raymond Zoller

 

[1] Der Essay, der bei dieser Gelegenheit zustandekam, untersuchte die Beziehungen zwischen zwei sich gegenseitig teilweise ausschließenden Weltanschauungen, die, da sie mit einem und dem gleichen Namen bezeichnet werden, trotz ihrer Gegensätzlichkeit in ihrer Verschiedenheit normalerweise nicht erkannt werden.

[2] "Wer Schriften deshalb ablehnen will, weil in ihnen das seelische Leben erkennend ringt ... dem kann es - meiner Ansicht nach - nicht gelingen, mit seiner erkennenden Seele in die wahre Wirklichkeit unterzutauchen" meint ein von mir sehr geschätzter österreichischer Philosoph

[3] Jedermann" März 1982

[4] Georges Raillard/Raymond Zoller: "Von lebenden und von eingegossenen Libellen"; August 1983 ("Veröffentlicht für die, denen es Anregung sein kann") Iss natürlich längst, wie man so sagt, vergriffen.

[5] Die eingegangenen Zuschriften deuten darauf hin, daß ich damit ins Schwarze traf. Gewann den Eindruck, daß es auch heute, in dem vertrockneten und erstarrten Mitteleuropa, unter Umständen noch möglich ist, mit dem zum Leben erweckten "Wort" wat in Bewegung zu bringen; man muß nur den richtigen Ansatzpunkt finden. Auszug aus diesen Werken siehe „Kleinanzeigen

[6] Eine halbernst gemeinte philosophische Fundierung meines Belletristischen Ansatzes entstand der Aufsatz "Über den schöpferischen Ruck und die Rolle des Klamauks bei der Errettung der Welt"

[7] Friedrich Nietzsche: "David Friedrich Strauß" in "Unzeitgemäße Betrachtungen"; Auszug siehe „Genealogie des bildungsphilistertums

[8] Der im Geiste des Bildungsphilistertums befangene wird mir eine solche Aussage als Unbescheidenheit auslegen. Aber es ist nicht unbescheiden. Der Bildungsphilister meint, ich wolle mich mit den von ihm geschaffenen Zuckerabgüssen identifizieren. Aber jene Zuckerabgüsse interessieren mich nicht; die find ich nicht nur unnütz, sondern darüber hinaus saukomisch. Das Element, welches mich mit den lebendigen Vorlagen jener Zuckerabgüsse – von denen der Bildungsphilister nicht einmal weiß, daß es sie gibt - verbindet, ist das Bewußtsein der Finsternis, des Nichtwissens sowie das daraus resultierende Leiden, die Unbefriedetheit, die Unfähigkeit, stehen zu bleiben, zu verharren. Also etwas ganz allgemein menschliches, auf welches der Philister eher mißtrauisch reagiert. – Der langen Rede kurzer Sinn: Im Sinne des Bildungsphilistertums ist besagte Aussage nicht nur keine Unbescheidenheit, sondern im Gegenteil sogar eine Selbtsanschwärzung.

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