![]()
Vorliegende Reflexionen sind reines Rohprodukt; sie wurden in einem Rutsch in den Computer getippt und – abgesehen von einigen nachträglich eingefügten Fußnoten – so belassen, wie sie sind. Ziel ihrer Niederschrift und Veröffentlichung besteht nämlich nicht darin, in geschliffenem Ausdruck irgendwelche großartigen Wahrheiten in die Welt zu setzen, sondern in ungeschliffener und, von mir aus, provokativer Form verschiedene Gedanken zu einem bestimmten Thema einzubringen, die bislang, scheint's, nur wenig bzw. überhaupt nicht berücksichtigt wurden; und zwar solcherart einzubringen, daß sie Anregung sein können zum Weiterdenken. Und da scheint mir diese ungeschliffene Rohform aus verschiedenen Gründen am geeignetsten.
Moskau, am 1. November 1996 - Raymond Zoller
![]()
G'sagt sei, daß der exaltierte «internet»-Fimmel in [...][1] bei mir rein subjektiv, persönlich, gelegentlich bis ins physische gehende Übelkeit hervorruft. Womit ich nichts gegen Technik habe; ich benutz bei meiner Arbeit selbst ausgiebig den Computer[2] und finde, daß das ein äußerst praktisches Gerät ist. Und auch das «internet» könnte meines Erachtens eine positive Funktion erfüllen; unter der Voraussetzung allerdings, daß gewisse Grundstufen der Kommunikation bereits beherrscht werden. Meiner Beobachtung nach ist diese Voraussetzung nicht erfüllt; und am allerwenigsten in den mitteleuropäischen Gefilden. Allein schon die eingangs monierte Exaltiertheit ist ein allzu deutliches Symptom dafür, daß die Sache in der Luft hängt. Wäre nämlich die Kommunikations-Grundlage entwickelt, so würde man stillschweigend und ohne große Worte das technische Mittel «internet» im Sinne dieser Grundlage benutzen und sähe sich nicht bemüßigt, eine Religion daraus zu machen.
Stichwortartig, damit obige Bemerkung nicht selbst in der Luft hängt, die meines Erachtens nicht bewältigten Kommunikations-Grundstufen:
Ø Als umfassende Ausgangsbasis das Gespräch. (... «denn was wäre köstlicher als das Gespräch. Jenes aller List und allem Zwang Abholde, worin sich die Austauschenden nicht zueinander oder gegeneinander, sondern auseinander sprechen, indem jeden der Eifer beseelt, nicht sich, sondern den anderen noch besser auszusprechen, als er selbst es vermag,» schreibt ein zeitgenössischer deutscher Denker, der zu besagter umfassender Ausgangsbasis auch sonst noch sehr viel wesentliches gesagt hat. - Und sicher ist es sehr gut, daß er solches gesagt hat, nichtsdestotrotz bleibt aber die Frage offen, wie weit das - zum Beispiel bei denjenigen, die sich mit solchen Auslassungen auseinandersetzen - praktisch genutzt werden kann im Sinne der Entwicklung der Ausdrucks- & Gesprächsfähigkeit, oder ob es nicht einfach bloß zu einer Erweiterung des Reservoirs an «Worten» führt, in denen man «kramt» und mit denen man wichtig tut. Meiner Beobachtung nach ist - leider - in weitem Maße das letztere der Fall) - Wie in vorliegender Klammer bereits angedeutet: Mir scheint, daß in Sachen Gesprächskultur gar sehr vieles im Argen liegt; was man aber natürlich noch näher ausführen müßte. Könnte bei Bedarf auch geschehen.
Ø Als technisches Hilfsmittel erster Stufe: Das Briefeschreiben. Meiner Beobachtung nach gibt es eine bemerkenswerte Sekundärliteratur zu Briefwechseln, welche in der Vergangenheit gelebt habende und aus den verschiedensten Gründen als Berühmtheiten betrachtet werdende Persönlichkeiten mit anderen mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten geführt haben; und auch solche Briefwechsel selbst werden sehr ausgiebig veröffentlicht. Was sicher gut ist. Wie es mit der Briefkultur zwischen gegenwärtig lebenden und in die Zukunft gerichteten weniger oder gar nicht berühmten Persönlichkeiten steht, kann ich natürlich nicht wissen; doch scheint mir manches darauf hinzudeuten, daß das nicht ganz so entwickelt ist wie das vergangenheitswärts[3] gerichtete Interesse oder «Interesse» an dem von anderen bereits geschriebenen und von noch anderen zum Kulturgut ernannten. Wasletzteres in dem Maße, als meine Vermutung über die Unentwickeltheit der zugrundeliegenden Gesprächskultur zutreffen würde, völlig natürlich wäre: Denn was soll man sich schreiben, wenn man sich nichts zu sagen hat?
Ø Das technische Hilfsmittel zweiter Stufe: Bücher, Zeitschriften; Massenmedien. Hier müßte man schon eine ausführliche Analyse schreiben. G'sagt sei aber, daß man die im besten Sinne g'scheitesten Dinge sogar ganz ausgiebig lesen kann, ohne davon sonderlich im Innern berührt zu werden oder gar sich darüber zu entwickeln. Und g'sagt sei auch, daß meiner Beobachtung nach die ganze kulturelle Atmosphäre einem «Zuherzennehmen» von Gelesenem entgegenwirkt. (möchte in diesem Zusammenhang auf Nietzsche's Essay «David Friedrich Strauß, der Bekenner und Schriftsteller» verweisen, wo einige Wurzeln dieser schon gar sehr merkwürdigen Situation aufgezeigt werden[4]; wieauch ein gewisser in bestimmten Kreisen eifrig zitierter und eifrig mißverstandener österreichischer Philosoph sehr entscheidendes zu solchem «Ohnmächtigwerden des Geisteslebens» geäußert hat[5]; welchalles jedoch, eben aufgrund besagter Ohnmacht des Geisteslebens, die Gemüter gar nicht so richtig erreichen kann und nur das Wörterreservoir vergrößert). Hängt alles mit der Frage von Entwickeltheit oder Unentwickeltheit der Gesprächskultur zusammen.
Ø Und als höchstes der Gefühle: Internet. Die Welt wird durch den Computerschirm ersetzt und artet aus in eine technische Spielerei. Meiner Erfahrung nach hat der Computer auch dann seine Tücken und kann zur heimtückischen Mausefalle ausarten, wenn man ihn von vornherein zu klar umrissenen, nicht in ihm selbst liegenden Zwecken benutzt. Umso schlimmer, wenn die Grundlage, auf der solche Zwecke erwachsen können, gar nicht entwickelt ist[6] und irgendwelche Zwecke erfunden werden als Vorwand für technische Spielerei. Da klappt denn die Mausefalle zu; und man merkt es nicht einmal...
Nachtrag Januar 1999
Bei obiger provokativer Skizze ging und geht es um das Problem der Kommunikationskultur. - Inzwischen stieß ich im Netz auf das Phänomen des öffentlichen Tagebuchschreibens und - als dessen konsequente Fortsetzung mit verbesserten technischen Mitteln - auf die "WebCam-Szene". Solches ist doch aber sehr kommunikativ; oder? - Meinem Verständnis nach: nicht im geringsten; mit der angesprochenen Kommunikationskultur hat es höchstens insofern zu tun, als es sie energischen Schritts weiter unterhöhlt. - Tagebuchschreiben im besten Sinne ist eine sehr intime Sache; mehr ein schriftliches Selbstgespräch, eine "Verdauungshilfe", die man, wenn überhaupt, nur sehr nahestehenden Menschen zu lesen geben kann. (etwas anderes ist, wenn man bei nachträglicher Sichtung Stellen entdeckt, die - sei es in Rohform, sei es überarbeitet - für eine breitere Öffentlichkeit interessant sein könnten). - Wer Tagebuch schreibt im Hinblick auf die Öffentlichkeit, der wirft im günstigsten Fall Keime, die er in sich selbst ausbrüten sollte, auf den Markt, wo sie zertrampelt werden; oder aber - was wohl am häufigsten der Fall ist - macht bloß leere Worte, die weder ihm selbst noch anderen irgendwas bringen. - Ließe sich bei Bedarf weiter ausführen.
Nachtrag Mai 2002
Und über das Gechatte und die Avatars wollen wir gar nicht erst reden
[1] Eine Zeitschrift, deren Name hier nichts zur Sache tut
[2] [Zusatz Oktober 97] und inzwischen auch das «Internet»; was jedoch an meiner hier formulierten Sichtweise nicht das mindeste ändert
[3] was natürlich keineswegs besagen soll, daß besagte Museums-Briefliteratur bei ihrem Entstehen vergangenheitsorientiert war. Natürlich war die zukunftsorientiert! Und sicher waren manche Schreiber zu dem Zeitpunkt noch nicht oder fast nicht berühmt; und selbst wenn sie es waren, so schrieben sie ihre Briefe vielleicht trotzdem nicht für nachkommende Bildungsphilistergenerationen, sondern - wie jeder normale Gegenwärtige - aus Bedürfnis nach Austausch, aus Drängen in die Zukunft.
[5] Siehe etwa das unter dem Titel „Phrase, Konvention, Routine“ angeführte längere Zitat von selbigem
[6] vielleicht täusche ich mich auch mit meiner Vermutung, daß sie nicht entwickelt ist, die Grundlage; was natürlich gut wäre. In dem Maße.aber, wie ich mich nicht täusche, bleibt das gesagte in Kraft
![]()