Notizen von unterwegs

- laufende Notizen V -

(aktuell)

Freitag, den 11. Juli 2008; Odessa

Den frommen Anlauf der Schreibmoral-Disziplinierung via mehr oder weniger geregelte Einträge in vorliegendes öffentliches Tagebuch weiterführend:

Seit gut zwei Wochen leb ich also in Odessa. Was mich genau hierhin geführt hat – darüber später, wenn die Dinge griffiger werden. Es hat mit Schreiben zu tun; so daß die Wiederherstellung meiner Schreibmoral schon gar sehr nötig iss...

Schaffen wir.

Wichtig zunächst mal, daß ich aus dem mich niederdrückenden West-und Mitteleuropa nach dem fast anderthalbjährigen sinnlos-idiotischen Herumgondeln wieder raus bin. Und wichtig auch, daß ich, nachdem ich anderthalb Jahre lang von früh bis spat fast nur Deutsch sprach, wieder in die belebende "стихия" der russischen Sprache eintauchen konnte (noch immer führ ich dieses Tagebuch in Deutsch: erstens muß ich mich erst wieder in die Feinheiten der russischen Sprache hineinfinden – geht eigentlich recht schnell und ist schon fast so weit – und zwotens werde ich so oder so die Deutsche Sprache auch weiterhin pflegen; nur halt nach Möglichkeit aus sicherer Distanz).

So langsam komm ich zu Kräften: vielleicht wird doch noch mal wat aus mir...

In die Angelegenheiten, mit denen ich im Weiteren vornehmlich beschäftigen werde, konnte ich bereits etwas Bewegung bringen; hauptsächlich aber verbrachte ich diese ersten beiden Wochen damit, mich mit der Stadt und der Umgebung bekannt zu machen, mich mit Freunden und Bekannten zu treffen und auch den Schwarzmeerstränden meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ohne Probleme geht es natürlich auch hier nicht ab... Nachfolgend Auszug aus einem Brief, darin ich über meine Schwierigkeiten beim Aufenthalt in alkoholisierter Umgebung schreibe:

„[...] Selbst hatte ich von jeher Probleme mit Betrunkenen. Was wohl teilweise mit einer – wie Psychologen sich ausdrücken würden – unglücklichen Vaterbeziehung zu tun hat... Meinen Vater kann man getrost als Alkoholiker bezeichnen; es gab Zeiten, da war er praktisch jeden Tag betrunken; und gut erinnere ich mich an meine Hilflosigkeit ihm gegenüber, wenn er irgendwelchen Unsinn vor sich hin brabbelte und verlangte, daß man diesen Unsinn als Wahrheit und nichts als die Wahrheit auffasse. Und immerhin war mein Vater, als mein Vater, eine Autorität; ich sehnte mich danach, ihn ernstnehmen zu können; und so bestand ein dauernder Konflikt zwischen dieser Sehnsucht, ihn ernstzunehmen und der durch sein Verhalten gegebenen Unmöglichkeit, ihn ernstzunehmen. Hinzu kam, daß ich schon verhältnismäßig früh ein gewisses Gespür entwickelte für logische Stringenz, das dann gleichfalls in Konflikt kam mit der von meinem Vater zur Logik ernannten Antilogik. Dadurch entstanden Schwierigkeiten, an denen ich noch sehr lange zu kauen hatte; und selbst als ich unter diesem Wust einen gewissen Zugang zum Denken freigelegt hatte blieb noch immer meine verdatterte Ratlosigkeit in der Gesellschaft von Betrunkenen. Für mich ist das sehr mühsam und anstrengend; [...]“

So weit mal dies.

Bis später

 

 

Raymond Zoller

 

 
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