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An einem dieser lauen Frühlingstage, an denen alles mögliche zu passieren pflegt, was dann in der Folge allen Beteiligten zur unauslöschlichen Erinnerung wird oder gar in die Geschichte eingeht, begab es sich, daß in einem städtischen Busse sich plötzlich zwei männliche Individuen von ihren Sitzen erhoben und die übrigen Fahrgäste aufforderten, ihnen ihre Fahrkarten zu zeigen.
Eben diesen Bus hatte kurz zuvor Aita zwecks Erreichen eines uns nicht näher bekannten Zieles sich als Beförderungsmittel auserkoren; und bereits hier sei vermerkt, daß Aita im Allgemeinen ohne Fahrkarte zu fahren pflegt und daß auch diese Fahrt ganz im Sinne dieser Gepflogenheit verlief. Oder, anders ausgedrückt: Aita ist leidenschaftliche Schwarzfahrerin.
Die Gilde der Schwarzfahrer ist, wie bekannt, eine internationale. Von keinen staatlichen Grenzen beengt, wirkt sie einträchtig und unbeirrt an allen Punkten der Erde, wo immer Busse fahren und Züge, Straßenbahnen und Zahnradbahnen, Dampfboote und U-Bahnen; bei allem, was an öffentlichen Verkehrsmitteln kreucht und fleucht und schwimmt, ist sie Tag und Nacht in unermüdlichem Einsatze am Werk. – Grenzenlos weit erstreckt sich das Wirken der Schwarzfahrer über alle Länder der Erde hinweg; doch eng und kärglich ist ihr ideologischer Untergrund. - Denn wieso fährt der Schwarzfahrer schwarz? Will er die Welt verbessern? Der Menschheit ein Licht aufstecken? - Nein. Weder die Welt will er verbessern, noch ein Licht will er der Menschheit aufstecken. Umsonst will er fahren; das ist alles. Geld will er sparen, um es für etwas anderes auszugeben. Und wenn er sich schon mal aufschwingt zu ideellen Höhen, dann höchstens so weit, daß er das Schwarzfahren als Protest betreibt gegen die überhöhten Fahrpreise. Was natürlich edel ist; aber alles in allem doch recht mager und nicht würdig, als Ideologie zu dienen für eine internationale Bruderschaft. - Und gar gibt es solche prinzipienlose Vertreter der Schwarzfahrergilde, deren Verhalten seine Wurzeln hat in primitivsten, jeglicher Idee entblößten Sachzwängen; das heißt Individuen, die einfach bloß deshalb schwarz fahren, weil ihnen das Geld fehlt für eine Fahrkarte. - Öd und kärglich ist der ideologische Untergrund der Schwarzfahrergilde; viel zu kärglich, als daß Aita in ihm gedeihen könnte.
Und in der Tat: nur dem alleräußersten Scheine nach gehört sie dieser Bruderschaft an; gehört ihr an, weil sie, eben: schwarz fährt. Sie fährt schwarz; mit unendlicher Hingabe und mit der ganzen Leidenschaft, derer man fähig ist im zarten Alter von 21 Jahren und die dann in späteren Jahren so häufig wieder verblaßt; fährt schwarz mit einer Leidenschaft, die manchmal an Wollust grenzt und häufig auch zur Wollust wird; doch verhaßt ist ihr alles Sparen und Knausern, fremd und unverständlich sind ihr die Motive und Triebfedern der gewöhnlichen Schwarzfahrer. Und wie ihre Freundin Susanne ihr erzählte, sie habe ein Schwarzfahrsparschwein eingerichtet, in welches sie nach jeder erfolgreichen Schwarzfahrt den Gegenwert der gesparten Fahrkarte einwirft, um sich später etwas nettes zu kaufen - da fand Aita dies äußerst geschmacklos. Denn bekannt ist ihr, daß der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel eine Menge Geld kostet; und normal findet sie es und natürlich, daß man bei der Beschaffung dieses Geldes auf diejenigen zurückgreift, die sie benutzen. Und wer Geld hat, sich eine Fahrkarte zu kaufen, der soll sich, wenn er fährt, auch gefälligst eine kaufen. Es sei denn, es liegen ganz besondere Gründe vor...
Bei Aita liegen solche Gründe vor. Und zwar haben diese Gründe mit ihrer Liebe zum Nervenkitzel zu tun.
Der Nervenkitzel war's, der sie bewog, über Monate hinweg mit ihrer Freundin Rita klauend durch die Kaufhäuser zu ziehen. Die geklauten Sachen behielt sie selten für sich; das meiste verschenkten sie an Stadtstreicher und Penner, anderes brachte sie heimlich wieder zurück; was dann sogar einen zusätzlichen, wenn auch geringeren Nervenkitzel gab. Die Sachen interessierten sie nicht; nur der Nervenkitzel. Und damit kamen sie voll auf ihre Kosten; und besonders die beiden male kam sie auf ihre Kosten, als sie erwischt wurden. Wie sie ihrer Freundin Susanne im Vertrauen mitteilte und wie diese dann im Vertrauen weitererzählte, stand sie, als sie zum ersten male erwischt wurde und man ihr Handschellen anlegte, kurz vor einem Orgasmus. - Doch das gehört wohl nicht hierhin...
Aita kam aber dann zu dem Schluß, daß der volkswirtschaftliche Schaden, der durch solchen Lustgewinn entsteht, unverhältnismäßig hoch ist; und deshalb stellte sie diese Expeditionen ein. Ihre Freundin Rita fand solche Erwägungen einleuchtend; doch war sie bereits süchtig und machte alleine weiter. Beim ersten Alleingang wurde sie dann zum dritten male erwischt und mußte dafür sogar ins Gefängnis, wo Aita, die sie wegen dieses Abenteuers insgeheim beneidete, sie regelmäßig besuchte. Rita erzählte von all dem Nervenkitzel, den das Gefängnis zu bieten hat, und riet ihr dringend, es auch auszuprobieren.
Aita war nicht abgeneigt; doch wollte sie aus ideologischen Gründen die Diebestouren nicht wieder aufnehmen und begnügte sich mit Schwarzfahren. Schwarzfahren fand sie vertretbar. Der Lustgewinn ist zwar nicht ganz so groß wie beim Kaufhausdiebstahl; doch dafür ist auch der Schaden unverhältnismäßig geringer. Im Grunde entsteht durch ihre unbezahlte Anwesenheit überhaupt kein nennenswerter Schaden; und das wenige an Schaden, das vielleicht doch entstehen könnte, versuchte sie dadurch wettzumachen, daß sie sich zu jeder Schwarzfahrt immer besonders sorgfältig und möglichst offenherzig kleidete, auf daß ihre unbezahlte Anwesenheit dem Busse oder der Straßenbahn zum Schmucke gereiche und daß sie, gleich diesen leichtbekleideten Animiermädchen in den Bars, den zahlenden männlichen Passagieren rein durch ihre Anwesenheit einen zusätzlichen Service biete. - Darüber hinaus hatte sie, dem Beispiel ihrer Freundin Susanne folgend, ein Schwarzfahrsparschwein angelegt, in welches sie nach jeder Fahrt den Gegenwert der gesparten Fahrkarte einwirft; nur daß sie das Geld nicht für sich benutzt, sondern, wenn das Sparschwein voll ist, es mitsamt Inhalt anonym an die städtischen Verkehrsbetriebe schickt.
***
Und nun - fühlte sie sich wie im Schraubstock eingeklemmt zwischen den unbarmherzig näher rückenden Kontrolleuren.
Im Leben eines jeden Schwarzfahrers spielt der Kontrolleur eine ganz entscheidende Rolle. Der Durchschnittsschwarzfahrer, dessen Triebfedern in den oben skizzierten kärglichen Gründen wurzeln, versucht, wo immer es sich machen läßt, die Begegnung mit ihm zu vermeiden, da selbige unweigerlich Folgen nach sich zieht, die als durchaus unangenehm empfunden werden. Für ihn ist der Kontrolleur eine - je nach Sichtweise - vom Teufel, von den Kapitalisten, den Jesuiten oder den Freimaurern erfundene Einrichtung, die nur dazu dient, das Leben zu verkomplizieren und die man besser abschaffen sollte. - Nicht so für Schwarzfahrer vom Schlage Aita's. Für sie gibt erst der Kontrolleur der Sache Sinn und Würze; und gäbe es keine Kontrolleure, so würde Aita nie und nimmer schwarz fahren und ganz sicher jedes mal eine Fahrkarte kaufen, vielleicht sogar ein Abonnement. Denn erst der Kontrolleur als im Hintergrund lauernde potentielle Größe gewährt den Nervenkitzel, auf den es letztendlich doch allein ankommt; und tritt er gar aus der Potentialität heraus in die greifbare Erscheinung, so ist dies mit kaum etwas anderem zu vergleichen; höchstens noch mit dem Auftauchen eines Kaufhausdetektivs. Aita liebt es, mit den Kontrolleuren Katz und Maus zu spielen; wobei sie den Umständen und ihren Neigungen entsprechend, die Rolle der Maus übernimmt. und dabei ganz beachtliche Initiative entwickelt.
Viel zu tun gab's für die Kontrolleure; der Bus war überfüllt; Unmengen von Fahrkarten mußten kontrolliert werden; und eine jede wurde gründlich und umständlich in Augenschein genommen; seit jüngstem war eine Fälscherbande am Werk, die gefälschte Fahrkarten verkaufte; und deshalb hatten die armen Kontrolleure viel mehr Arbeit als sonst; und noch viel mehr Zeit nahmen naturgemäß die nicht vorhandenen Fahrkarten ein. Wo es keine Fahrkarte zu betrachten gab, wurden dafür alle möglichen Ausweise in Augenschein genommen; und sehr vieles wurde gefragt und geschrieben.
Doch unbarmherzig rückten sie näher; wie Schraubstockzwingen, wie die bekrallten Pfoten eines riesigen Katers schoben sie sich, von jeder Seite einer, auf sie zu. Bald werden die Krallen zuschlagen. Wie bei einer richtigen Maus, begannen sich in Aita Fluchtinstinkte zu regen. Sie erhob sich, ging langsam Richtung Ausgang. Der Bus hielt an einer Ampel; etwas weiter vorn sah man schon die nächste Haltestelle. Der vordere Kontrolleur hatte eben die Bestandsaufnahme einer nicht vorhandenen Fahrkarte abgeschlossen und stopfte sein Notizbuch in die Innentasche seiner Jacke. Wie Aita an ihm vorbeischleichen wollte, wandte er sich um, hielt ihr seinen Ausweis entgegen und sagte knapp:
«Ihre Fahrkarte, bitte!»
«Ich muß jetzt aussteigen,» antwortete Aita sanft. «Gleich kommt meine Haltestelle.»
«Sie dürfen gerne aussteigen. Doch vorher sollten Sie mir Ihre Fahrkarte zeigen,» beharrte der Kontrolleur und starrte ihr dabei mit unverhohlenem Wohlgefallen in den Ausschnitt. Einen schwarzen Schnauzer hatte er und wirkte leicht unterwelthaft. Er gefiel Aita sehr.
«In meinem Ausschnitt steckt sie nicht,» antwortete sie
Den Kontrolleur schien das nicht zu stören. «Wenn Sie nicht wollen, daß man in Ihren Ausschnitt schaut, müssen Sie sich bedeckter halten,» sagte er. «Ihre Fahrkarte aber müssen Sie mir zeigen; ganz egal, wo Sie sie hingesteckt haben...»
«Erst die junge Dame mit Blicken belästigen, und dann auch noch unverschämt werden!» - rief der ältere Herr, an dessen abwesenden Fahrkarte der Kontrolleur sich soeben zu schaffen gemacht hatte. «Eine Frechheit ist das! Man sollte sich über Sie beschweren!»
«Beruhigen Sie sich,» winkte der Kontrolleur ab. «Das ist nicht Ihr Bier!»
«Wenn in meiner Gegenwart die guten Sitten verletzt werden!» ereiferte sich der Mann. «Das geht doch nicht...»
«Schon gut,» beruhigte ihn Aita. «Ich fühle mich nicht belästigt... Trotzdem vielen Dank...»
«Ich hab doch selbst gesehen, wie er in Ihren Ausschnitt starrte,» regte sich der Herr auf. «Richtig reingeglotzt hat er! Ein Lustmolch ist das!»
«Halten Sie Ihre Zunge im Zaum,» rief der Kontrolleur. Aber er schien mehr belustigt als beleidigt.
«Nichts halte ich im Zaum» schrie der Herr. «Ein Lustmolch sind Sie. Einen Bericht werde ich schreiben! An Ihren Vorgesetzten!»
«Vergessen Sie nicht, ihre Oberweite anzugeben,» grinste der Kontrolleur. Ja: Ein richtiger Unterweltler war er! Warum gibt es nicht mehr Kontrolleure von diesem Schlag?
Der Bus hatte unterdessen an der Haltestelle gehalten und fuhr wieder an.
«Sie un-ver-schäm-ter Kerl!» zischte der Herr. Er war ganz außer Atem.
«Machen Sie sich bitte keine Umstände... Das ist alles ganz normal und natürlich,» flüsterte Aita und lächelte den Herrn freundlich an.
«Normal und natürlich... Er zieht Sie aus mit seinen Blicken! Ausziehen tut er sie! Und Sie sagen, das sei normal und natürlich... Schämen Sie sich denn nicht?»
Aita schaute plötzlich streng: «Warum soll er nicht schauen, wenn es ihm gefällt,» fragte sie scharf. «Und warum soll ich mich schämen, daß ich nichts dabei finde?»
«Ich sagte ja nicht, daß Sie sich schämen müssen,» verteidigte sich der Herr. «Ich meinte nur...»
«Schon gut,» lächelte Aita. Sie blickte schon wieder ganz sanft. «Ich liebe es, wenn man mich anstarrt. Und außerdem ist es mein Beruf, mich anstarren zu lassen.»
«Wieso Beruf?» Der Herr verstand nicht.
«Ich bin Nachtclubtänzerin,» sagte Aita.
Das stimmte zwar nicht; aber sie fand, daß dieser spontane Einfall sehr gut paßte.
Den Herrn schien das zu interessieren. «Sie sind Nachtclubtänzerin?» fragte er. «Was tanzen Sie denn so?»
«Striptease,» antwortete Aita.
«Ach, Striptease tanzen Sie,» rief der Herr begeistert. «Das ist natürlich etwas anderes. Ja, in der Tat... Ihrer Figur und Ihrer Ausstrahlung nach sind Sie für diesen Beruf prädestiniert... Man sagt, Striptease sei eine Kunst... Sie sind also Künstlerin...»
«Wenn Sie so wollen, bin ich Künstlerin,» lächelte Aita.
«Das ist das erste mal, daß ich eine richtige Stripteasetänzerin von so nahe sehe,» sagte der Herr. Er war ganz außer Atem und begann nun auch, sie mit seinen Blicken abzutasten. Denn Stripteasetänzerinnen sind ja dazu da, daß man sie anschaut...
Aita machte einen leichten Knicks und zeigte sich ihm dann im Profil.
«Dürfte ich jetzt trotzdem Ihre Fahrkarte sehen?» mischte sich der Kontrolleur ein. Trotz seines unterwelthaften Aussehens schien er von einem unerbittlichen Pflichtbewußtsein besessen.
«Ich habe keine Fahrkarte,» sagte Aita und strich sich mit der Rechten kokett durchs Haar. Es klang ganz anders als das, was die Worte sagten. Frivol klang es, fast verrucht... Die Augen des Kontrolleurs belebten sich von dem Klange; seine Antwort aber bezog sich unerbittlich auf den begrifflichen Inhalt der Worte.
«Wieso haben Sie keine Fahrkarte?» fragte er.
Aita zuckte die Achseln. «Was macht das für einen Unterschied,» sagte sie. «Ich habe keine Fahrkarte; das ist alles.» Und kokett legte sie die Hände an die Taille, als wolle sie etwas ganz anderes sagen. «Walten Sie Ihres Amtes. Wollen Sie mir Handschellen anlegen?»
«Ich würde gerne,» feixte der Kontrolleur. «Aber ich habe keine. Nur Ihren Ausweis müßte ich sehen.» Und er langte in die Tasche nach seinem Notizbuch.
«Schade, daß Sie keine Handschellen anlegen,» sagte Aita. «Man sagt, daß sie mir gut stehen...»
«Haben Sie Erfahrung damit?» grinste der Kontrolleur und schlug sein Notizbuch auf.
«In meiner Nachtclubnummer trage ich Handschellen,» log Aita.
«Wie können Sie sich denn ausziehen, wenn Sie Handschellen tragen?» fragte der Herr zweifelnd.
«Ausziehen? Mit Handschellen? Das geht leicht. Man darf nur nichts anhaben mit Schulterträgern.» Aita's Phantasie arbeitete auf Hochtouren. Der zweite Kontrolleur, gleichfalls mir Schnauzer, der aber eher wie ein verkrachter Intellektueller wirkte, hatte seine Runde beendet und sich dazugesellt. Schweigend hörte er zu.
«Aber wenn zum Beispiel ein Reißverschluß da ist? Auf dem Rücken zum Beispiel?» - zweifelte der Herr.
«Auf dem Rücken? Das wäre schwierig. Aber an meinem Kleid ist der Reißverschluß vorn, von hier» sie legte den Finger an den oberen Rand ihres Ausschnitts «bis knapp unter den Nabel. Der geht ganz einfach auf.» Und sie legte die Hände zusammen, so, als seien sie mit Handschellen aneinandergefesselt, und führte sie vom Dekolleté bis runter zur Taille. «Und dann ist hier noch ein Knopf...» Sie führte die Hände an die rechte Hüfte.
Die Fahrgäste ringsum hörten interessiert zu. Eine ältere Dame warf mißbilligende Blicke, sagte aber nichts.
«Ihren Ausweis wollten Sie mir zeigen," erinnerte der Kontrolleur.
«Gerne», antwortete Aita und öffnete gehorsam ihre Handtasche. Ihre Finger ertasteten ihren Paß, ihren Führerschein. Stießen auf etwas seidiges. Sie zog es hervor, betrachtete es kurz, schob es wieder zurück. Ein Büstenhalter war's. Irgend jemand lachte. Aita konnte sich nicht erinnern, wie der Büstenhalter in ihre Tasche kam; aber sie fand, daß er gut dazupaßte. «Ich habe keinen Ausweis dabei,» sagte sie und klappte mit einer raschen Bewegung die Tasche zu.
«Dann müssen wir Sie leider bitten, an der nächsten Haltestelle mit uns auszusteigen,» sagte der Kontrolleur.
«Ganz wie Sie wollen," sagte Aita. "Verfügen Sie über mich, wie Ihnen beliebt."
„Wir verfügen über Sie, wie das Gesetz es befiehlt,“ verbesserte der Unterweltler grinsend.
«Wollen Sie nicht Gnade vor Recht ergehen lassen?» fragte der ältere Herr. «So eine nette junge Dame...»
«Wir würden gerne...» antwortete der Kontrolleur bedauernd. «Aber Dienst ist Dienst... Auch wir werden kontrolliert. Wenn es rauskäme, daß wir jemanden rein aus Sympathie laufen ließen...»
"Es ist sicher richtig, daß die Herren mich mitnehmen," lächelte Aita. "Trotzdem vielen Dank für Ihren Beistand."
«Und in welchem Nachtclub treten Sie auf?» fragte der Herr hastig. «Ich möchte doch gern einmal sehen, wie sie tanzen… Sicher sind Sie eine gute Tänzerin…"
«Leider ist das ein privater Nachtclub,» log Aita. «Nur für Mitglieder...»
«Aber man kann ja sicher Mitglied werden... Wie heißt er denn?»
«Marquis de Sade,» log Aita.
«Marquis de Sade...» wiederholte der Herr. «Deshalb die Handschellen. Und wo kann man den finden?»
«In der Karl-Friedrich-Straße,» antwortete Aita.
Einen Privatclub mit Namen «Marquis de Sade» und einschlägigem Programm schien es in der Karl-Friedrich-Straße tatsächlich zu geben; Aita hatte davon gehört und sogar schon mal daran gedacht, ihm einen Besuch abzustatten.
Der Bus verlangsamte seine Fahrt.
«Wir müssen nun aussteigen,» erinnerte der Kontrolleur und faßte Aita sachte am Oberarm.
«Wieso müssen Sie sie unbedingt anfassen,» beschwerte sich der Herr.
«Lassen Sie ihn doch...» beruhigte ihn Aita. «Ich bin jetzt verhaftet...»
«Vielleicht sehen wir uns mal im Marquis de Sade...»
«Erst muß ich ins Gefängnis...» In einer raschen Bewegung öffnete sie ihre Handtasche, zog den Büstenhalter heraus, warf ihn dem Herrn zu. «Zur Erinnerung...»
Der Herr fing den Büstenhalter auf, steckte ihn verstört in die Tasche. «Wieso ins Gefängnis?» rief er. Aita antwortete nicht. Der Kontrolleur bugsierte sie zum Ausgang, und sie verließen den Bus.
«Wieso wollen Sie eigentlich ins Gefängnis?» fragte der unterwelthafte Kontrolleur, als der Strom der ausgestiegenen Fahrgäste sich verzogen hatte und sie unter sich waren. Aita wand sich innerlich unter seinen Blicken, die schon sehr unverhohlen und unverschämt waren.
«Sie bringen mich jetzt zur Polizei; und dann komm ich vor Gericht und werde eingesperrt,» sagte sie.
«So schnell kommt man nicht ins Gefängnis,» widersprach der verkrachte Intellektuelle.
«Ich schon... Wegen fortgesetzten Schwarzfahrens...» Triumphierend sagte sie das; so als mache es ihr Vergnügen, den Kontrolleur zu widerlegen. «Das ist schon das fünfte mal in diesem Monat...»
«Ja, dann kann's unangenehm werden...»
"Wieso unangenehm?" fragte Aita. "Zur Zeit ist meine Freundin im Gefängnis. Ich besuche sie regelmäßig. Wenn sie rauskommt, komm ich rein; und dann besucht sie mich."
Der verkrachte Intellektuelle zog ein Handy aus der Tasche, drückte unentschlossen eine Taste.
"Warum so eilig?" fragte sein Kollege. "Kannst es wohl nicht erwarten, die junge Dame in Handschellen zu sehen?"
"Sie meint ja selbst, daß Handschellen ihr stehen… Außerdem müssen wir weitermachen." Aber er wählte nicht weiter; sein Zeigefinger verharrte regungslos über der Tastatur. "Es sei denn…" - und fragend blickte er seinen Kollegen an, "… es sei denn, wir vergessen die Sache…"
"Das heißt, du willst sie laufen lassen?" fragte der Unterweltler.
"Was soll man sie wegen solcher Lappalie ins Gefängnis bringen? Ist doch Blödsinn…" Mit einer entschlossenen Bewegung steckte er sein Handy zurück in die Tasche.
"Da bin ich aber nun gar nicht dafür," widersprach der Unterweltler gedehnt. "Strafe muß sein."
"Machen Sie sich bitte keine Gedanken," wandte sich Aita mit sanfter Stimme an den Intellektuellen. "Wenn Sie mich laufen lassen, werden dafür andere mich einfangen, und Sie riskieren nur unnötigen Ärger. Denn ich fahre immer schwarz…"
"Hörst du?" rief der Unterweltler triumphierend.
"Ich hab Strafe verdient," sagte Aita. "Obwohl es volkswirtschaftlich gesehen natürlich Unsinn ist, mich einzusperren. Überhaupt ist das heutige Penitärsystem ein ganz großer Blödsinn!"
"Richtig!" rief der Unterweltler. "Ein Blödsinn ist es. Aber trotzdem…"
"Statt die Leute wegen solcher Lappalien einzusperren, sollte man sie besser zu Pflegediensten in Krankenhäusern verurteilen," sagte der Intellektuelle.
"Für Pflegedienste sind andere sicher besser geeignet als ich," widersprach Aita. "Aber im Prinzip haben Sie recht. Während der Abbüßung meiner Haftstrafe bin ich zu nichts nütze und koste den Staat nur Geld; und zwar viel mehr Geld, als der Schaden beträgt, der durch meine Schwarzfahrerei entstanden ist."
"Das heißt, Sie gehen mit mir einig, daß man die Gefangenen verstärkt zu sinnvoller Arbeit heranziehen soll…"
"Keineswegs," sagte Aita. "Es geht mir im Gegenteil darum, den Begriff der Strafe in seiner ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen und alle sentimentalischen Beimischungen wie Besserung, Resozialisierung und so weiter wegzulassen. Und im Weiteren geht es darum, die in ihrer ursprünglichen, katholischen Klarheit verstandene Strafe besser und effektiver in das soziale Umfeld einzubinden. Zu früheren Zeiten war sie das; doch dann kam der Fortschritt und machte alles kaputt."
"Ich verstehe nicht. Was soll der Fortschritt kaputtgemacht haben?" fragte der Intellektuelle ungeduldig. Er sah sich offenbar auf der Seite des Fortschritts und fühlte sich verpflichtet, selbigen zu verteidigen.
"Zum Beispiel gab es früher den Pranger und die öffentliche Auspeitschung," sagte Aita. "Das Volk nahm Anteil an der Bestrafung des Verbrechers und hatte seinen Plausch daran…"
"Was?" wunderte sich der Kontrolleur. Er war zu überrascht, um sich noch entrüsten zu können. "In diese Zeiten wünschen Sie sich zurück?"
"Nein," antwortete Aita. "In diese Zeiten wünsche ich mich nicht zurück. Das war damals noch alles zu grobschlächtig. Aber ich finde es betrüblich, daß man gewisse positive Dinge, statt sie im Zuge des Fortschritts zu entwickeln und zu verfeinern, stattdessen kurzerhand abgeschafft hat."
"Das heißt, wenn es nach Ihnen ginge, würde man eine verfeinerte, fortschrittlichere Form der Prangerstrafe und des öffentlichen Auspeitschens einführen. Wie stellen Sie sich das denn vor?"
"Zum Beispiel könnten Pranger für junge und gut gebaute Frauen in Nachtclubs aufgestellt werden; und auch Auspeitschungen und sonstige Exekutionen an besagten Delinquentinnen könnten an solchen Stätten durchgeführt werden. Der Staat würde mit den Betreibern der Nachtclubs entsprechende Abmachungen treffen oder vielleicht sogar eigene Etablissements eröffnen…"
"Und was ist mit Männern und weniger jungen und wohlgestalteten Frauen?" fragte zweifelnd der Unterweltler, der bis jetzt geschwiegen hatte.
"Das ist eine spezielle Frage, die gesondert behandelt werden müßte," sagte Aita.
"Und zu welcher Strafe würden Sie sich selbst wegen Ihrer Schwarzfahrerei in einem solch fortschrittlichen Strafsystem verurteilen?" fragte belustigt der Intellektuelle, der sich offenbar von seiner Überraschung erholt hatte.
"Nun, so zwei bis drei Wochen Gefängnis würde ich mir schon geben," sagte Aita. "Von Abends bis spätnachts müßte ich in lockeren Dessous zum Vergnügen der Gäste am Pranger stehen; bei schlechter Führung oder Verstößen gegen die Gefängnisordnung auch schon mal nackt und in Reichweite der Gäste, die mich dann anfassen und zwicken dürften. Und zwei oder drei mal auspeitschen; vielleicht auch häufiger."
"Nicht schlecht," sagte der Unterweltler.
"Genial," pflichtete ihm sein Kollege bei. "Statt in der Sterilität eines heutigen Gefängnisses sinnlos vor dich hin zu vegetieren, würdest du in deinem Bestraftwerden zu einem Objekt öffentlichen Vergnügens."
"Und dann sollte man es zum Beispiel auch so einrichten, daß etwa Kontrolleure, die einen bei wiederholtem Schwarzfahren erwischen, einen nach eigenem Ermessen selbst bestrafen können," sagte Aita.
"Richtig!" rief der Unterweltler. "In der Tat ein Skandal, daß solches in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen ist. In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Mit dem größten Vergnügen nähme ich dich mit nach Hause, um dich nach allen Regeln der Kunst zu bestrafen; und mit solcher Inbrunst würde ich solche Arbeit verrichten, daß ich nicht einmal Angst hätte vor unbezahlten Überstunden!"
"Deine Frau würde dir wat pfeifen," lachte sein Kollege.
"Wieso?" wunderte sich Aita. "Andere Männer nehmen doch auch Arbeit mit nach Hause?"
Ein Bus fuhr in die Haltestelle ein.
„Wir sollten weiter,“ sagte der Intellektuelle. Er zog einen Geldschein aus der Tasche, drückte ihn Aita in die Hand: „Kauf dir davon ´ne Fahrkarte. Und laß dich nicht wieder erwischen!“
Und bevor sie den Schein hätte zurückgeben können, waren die beiden auch schon unterwegs zum Bus, wo neue Opfer ihrer harrten. Der Intellektuelle wandte sich noch einmal um: „Machs gut!“ rief er. – „Wenigstens hätte man sich ihre Telefonnummer aufschreiben können,“ ärgerte sich der Unterweltler, bevor sie sich trennten und, wie es sich für Kontrolleure gehört, der eine durch die vordere, der andere durch die mittlere Tür, im Gedränge der Fahrgäste im Busse verschwanden.